Wie groß wird die Wirtschaftskrise wirklich? Immer mehr deutet darauf hin, dass es noch viel dramatischer wird. Von H.P. Martin
57 Billionen Dollar umfasste die spekulative Blase, als der Finanzkollaps in den USA ausgelöst wurde. Das sind 57 000 Milliarden, oder ausgeschrieben: 57 000 000 000 000 Dollar. Inzwischen sind noch etwa 40 Billionen Dollar, die in riskanten Kreditversicherungen verborgen sind, hoch problematisch. Das Desaster reißt auch alle mit, die auf steigende Aktienkurse setzten oder im Aufschwung im Osten zu viel Geld ausliehen. So haben allein die österreichischen Banken in den Ländern Osteuropas Kredite in Höhe von 224 Milliarden Euro ausständig. Das entspricht 78 Prozent der gesamten österreichischen Wirtschaftsleistung.
Können diese Kredite nicht zurückbezahlt werden und würde der Staat dafür einspringen (müssen), so würde dafür jeder Österreicher neun Monate lang ausschließlich für diese Schuldentilgung von Raiffeisen, Erste Bank und Co. arbeiten müssen, ohne dabei sozialversichert zu sein oder Pensionsansprüche zu erwerben. Auch Pensionisten und Schüler müssten von Jänner bis Anfang Oktober von Luft und sonst nichts leben. Das geht natürlich nicht. Deshalb werden alle anfallenden Schulden gestreckt werden, auch unsere Kinder und Enkel werden noch zahlen müssen.
Unsere Regierung beschwichtigt, denn eine Panik würde alles noch gefährlicher machen. Doch man muss auch der Wahrheit ins Auge sehen. Da fällt der Blick auf Griechenland, das im Laufe dieses Jahres Staatsschulden in Höhe von 50 Milliarden Euro umzuschulden hat. Dafür muss man Geldanlegern bereits jetzt 3 Prozent mehr Zinsen bieten als in Deutschland. Ähnliches gilt für Italien und Portugal. Mit dem Osteuropa-Risiko kann auch Österreich bald abrutschen. Wer über Geld verfügt und dies in Euro-Anleihen investieren will, bevorzugt heutzutage deutsche Staatsanleihen.
Damit wächst der Zinsabstand und wird zur Zerreißprobe für den Euro. Dies bereitet gerade Entscheidungsträgern in Berlin schlaflose Nächte. Denn zerfällt der Euro, gibt es wieder eine starke neue D-Mark, die massiv aufwerten müsste. Dies wiederum würde deutsche Produkte extrem verteuern – eine Katastrophe für exportabhängige Arbeitsplätze. So wird derzeit an gemeinsamen Anleihen für alle Euroländer gebastelt und die Gründung eines Europäischen Währungsfonds geprüft. Das würde den so unverantwortlich agierenden Eliten in Brüssel aber zusätzliche Macht verleihen, ebenfalls eine Schreckensvorstellung.
Und müsste für so eine neue Euro-Geldpolitik nicht auch ein neuer EU-Vertrag beschlossen werden? Grundsätzlich ja, doch da fürchtet man sich vor neuen Volksabstimmungen und überlegt gewagte Neuinterpretationen der bisherigen Abkommen. So lautet die EU-Devise: Weg vom Volk. Nur zahlen muss die Bevölkerung. Selbst wenn die Talsohle des Finanzdebakels bald erreicht und die neuen Staatsschulden quer durch Euro „nur" hunderte Milliarden statt einer Billion Euro betragen werden, müssen auch die zurückgezahlt werden.
„Spätestens in drei Jahren wird es zu einer heftigen Inflation kommen", warnt der langjährige Chef der schwedischen Notenbank Lars Wohlin.
Dieser Kommentar von H.P. Martin erschien in verschiedenen Medien ab dem 7.2.2009, zuerst in der österreichischen "Kronenzeitung".