London im Schnee im Oktober, das gab es seit 1934 nicht mehr. Dienstag Abend wurden die so seltenen Schneeflocken aber zum Begleiter eines unvergesslichen Abends mit einem bemerkenswerten Insider in der europäischen Finanzmetropole. Von H.P.Martin
Mein Gesprächspartner ist ein erfahrener internationaler Banker, und, anders als fast alle seiner Kollegen, unverblümt. Die billionenschweren Rettungspakete der Regierungen der USA und der EU sind nun schon mehrere Wochen auf dem Weg. Doch der Finanzmanager zeigt sich keineswegs erleichtert. Für seine Bank, eine der größten weltweit, gehe es, wie für viele andere auch, nur noch um eines: „Einfach nur überleben!" Das klingt dramatisch - und ist es auch.
Die Überlebensstrategie seines Finanzkonzerns funktioniert wie in jedem Privathaushalt, der Angst hat. Es wird Bargeld eingesammelt, um im Notfall sofort handeln zu können. Und zwar in unvorstellbaren Größenordnungen: „Wenn sich morgen ein Loch von 35 Milliarden Euro auftut, werden wir hergehen, unserem Gläubiger Geldschein für Geldschein hinblättern und sagen: Hier, bittesehr, nehmen Sie das." Die Folge dieses beispiellosen Geldhortens aus Panik vor Risiken, die selbst für Top-Profis nicht absehbar sind: Man will niemanden mehr einen Kredit einräumen. „Unternehmen, die ihre ablaufenden Kredite aus welchen Gründen immer verlängern wollen, werden ganz große Probleme bekommen", erklärt der Londoner Manager. Damit aber führt sich das Bankenwesen ad absurdum. Denn der Grundzweck einer Bank oder Sparkasse besteht doch darin, das Geld von Sparern an Schuldner zu verleihen.
Zeitgleich zum Bankendesaster wird freilich bekannt, wie die Gewinne aus der Globalisierung tatsächlich verteilt werden. Jahrelang haben zwei Forschungszentren an der renommierten London School of Economics und der Universität von Toulouse unter dem Experten Paul Woolley untersucht, wer wirklich von Wertzuwächsen bei Aktien und von Dividenden profitiert. Vor allem die Anleger würde man meinen, also auch all jene Kleinanleger, die über Fonds bei ihrer Sparkasse oder über private Pensionsversicherungen an solchen Unternehmen beteiligt sind. Weit gefehlt. Das enthüllende Studienergebnis: 40 bis 80 Prozent aller Gewinne, welche die Aktiengesellschaften weltweit erwirtschaften, verbleiben in Wirklichkeit bei den Banken und Vermögensverwaltern!
Allein die Betreuungsgebühren der Anlageberater und Überweisungskosten betragen jedes Jahr 500 Milliarden Dollar. Das erklärt, warum auch in Österreich die Banken scheinbar in Geld schwammen, immer neue Verwaltungspaläste hochzogen und Sparer in angeblich so lohnende Geldanlagen trieben. Dabei entfernten sich die sogenannten Finanzprodukte immer weiter von der realen Wirtschaft, waren durch keinerlei Werte mehr abgesichert. Auf jeden Euro an Einlagen wurden 40 Euro Schulden draufgesattelt. Letztlich wurde alles zum Pyramidenspiel, das jetzt in sich zusammenkracht. Selbst in Großbritannien, wo ein Fünftel aller Arbeitsplätze von der Finanzindustrie abhängt, kommt es nun zu offener Kritik.
Und in Österreich? Da behaupten Banken weiterhin allen Ernstes, sie seien „grundsolide aufgestellt" und nehmen dennoch Milliardenhilfen an Steuergeldern. Für wie blöd hält man Sparer und Wähler eigentlich?
Dieser Kommentar von H.P. Martin erschien in verschiedenen Medien ab dem 31.10.2008.