Vierzig Jahre nach der Erstbesteigung des Mount Everest ist die Himalaja-Region, Wasserreservoir für die Hälfte der Menschheit, ein ökologisches und kulturelles Notstandsgebiet: Der Tourismus überrollt Nepal, die Chinesen plündern Tibets Wälder und Bodenschätze. Und das Königreich Bhutan, das sich als Modell anpreist, ist nur eine buddhistische Öko-Diktatur. Von H.P. Martin
In Lhasa stinkt es ganz wunderbar. Urin sickert aus den Häusern auf die Gassen. Der Kot streunender Hunde dampft auf den Pflastersteinen. Die Pilger rotzen und beten.
Doch die tibetischen Nomaden auf den Straßen überdecken den Gestank mit den Wohlgerüchen ihrer Welt. Aus prallen Säcken und vollen Schalen verkaufen sie Gewürze, deren durchdringender Duft sich mit den Schwaden brennender Räucherstäbchen und Myrrhe vermischt. Aus den geöffneten Fenstern riecht es nach gebratenem Jak-Fleisch und frischem Brot.
Im Zentrum der Hauptstadt, dem legendären Barkhor-Viertel, ziehen Tausende Tibeter jeden Tag im Uhrzeigersinn um den Dschokhang-Tempel. Vor dem Eingang werfen sich unablässig Hunderte Gläubige mit akrobatischem Ritual zu Boden. Ihre Knie und Ellenbogen schützen sie mit Plastiktüten. Es zischelt, als ob vor den buddhistischen Göttern ein gewaltig großes Schleifpapier über die Steine gezogen würde.
Lhasa sucht Zuflucht im Mittelalter, um den chinesischen Belagerern aus der Neuzeit zu trotzen. Der bizarre Basar von Barkhor bildete schon oft den Mittelpunkt der Aufstände gegen die Invasoren, die sich auch vier Jahrzehnte nach ihrem Einmarsch in Tibet nur mit Gewalt behaupten können.
Videokameras erfassen seit einigen Monaten jede Bewegung im historischen Viertel, Zehntausende chinesische Soldaten sind derzeit in der Stadt stationiert, die gerade 200 000 Einwohner zählt. Greiftrupps patrouillieren in Jeeps und zu Fuß Tag und Nacht durch die Straßen. Auf der langen Liste ihrer Gegner stehen neuerdings ganz ungewohnte Namen: die von patriotischen Umweltschützern.
Der Bauer Karmo aus Gjama Trikhang ist einer von ihnen. In seinem Dorf, 120 Kilometer östlich von Lhasa, fernab von Straßen und Strom, genossen die Bewohner noch vor zwei Jahren die Abendstille. Doch dann kamen chinesische Militärs und ließen Stollen in die Berge graben. Seither dröhnen jede Nacht schwerbeladene Lkw durch den Ort, um Bleierze, goldhaltiges Gestein und vermutlich auch Uran wegzuschaffen.
Das Wasser im Fluß versiegte, Kinder und Erwachsene erkrankten auffallend häufig. Der Bergbau trage auch die Schuld an den ungewöhnlichen Hagelstürmen, glauben viele buddhistische Tibeter, da er die Götter störe.
"Stoppt den Mineralienabbau", schrieb Karmo auf ein Wandplakat. Dazu malte er eine Speerspitze, die in Richtung Peking deutete. Tibetische Denunzianten verrieten ihn, chinesische Polizisten verprügelten ihn und steckten ihn ins Gefängnis. Seit einem Jahr wartet der schmächtige Bauer, der vier Kinder ernähren soll, auf Anklage und Prozeß. Er muß mit zehn Jahren Haft rechnen.
Drei Mönche aus seiner Heimat Gjama Trikhang zogen zu seiner Unterstützung ins Barkhor-Viertel nach Lhasa. Auch sie landeten mit anderen Freunden Karmos in den Zellen der Besatzer.
Die katastrophale ökologische Plünderung Tibets durch die Chinesen müßte die Welt alarmieren. Die Kolonialisten aus Peking mißbrauchen das einzigartige Hochplateau als Versuchsgelände, Rohstoffbasis und Müllkippe für ihre nuklearen Ambitionen.
In lediglich 32 Monaten entwickelten sie zu Beginn der sechziger Jahre im Nordosten des alten Tibet ihre erste Atombombe. Gefährliche Experimente ersetzten theoretisches Wissen, zur Herstellung von Sprengstofflinsen schmolzen die Forscher TNT auf offenem Feuer in Eisenbehältern ein. Das Gebiet um die "Neunte Akademie", wie der Laborkomplex zur Tarnung genannt wurde, ist noch heute großflächig abgeriegelt, Atommüll wurde an vielen Stellen sorglos vergraben.
Schon in Kürze soll der Handel mit Nuklearabfall aus dem Ausland anlaufen. Als erster Kunde will Taiwan, Chinas Bruder und Erzfeind, gegen Devisen Brennstäbe und Reaktorschrott in Tibet entsorgen lassen, obwohl die chinesischen Vertragspartner beim Umgang mit nuklearem Material banalste Sicherheitsregeln mißachten.
So erkrankten im Dorf Guru im Bezirk Zoige am Ostrand des Hochplateaus in den vergangenen drei Jahren 35 von etwa 500 Einwohnern plötzlich an Fieber und schwerem Durchfall und starben nach wenigen Stunden einen qualvollen Tod. Sie alle hatten Trinkwasser getrunken, das mit den Abfällen einer Uranmine verstrahlt war.
Da die Behörden Unfälle und deren Ursachen stets leugnen, ängstigen sich die Tibeter vor jeder größeren Baugrube. Unheilvolle Prognosen begleiten jetzt die Errichtung eines Kraftwerks am 4400 Meter hoch gelegenen Jamdruk-See, der sich wie eine fette türkisfarbene Schlange durch die Gebirgszüge im Süden von Lhasa windet.
Ein Absinken des Wasserspiegels sowie zurückgepumptes verschmutztes Brauchwasser kann die in solchen Höhen äußerst anfällige Tier- und Pflanzenwelt gefährden. Von ihr hängen Tausende Nomaden ab. Dabei ließen sich die erhofften 200 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr auch durch Sonnenenergie erzeugen, die in Tibet fast so einfach eingefangen werden kann wie in der Sahara. Außerdem werden die Generatoren des Wasserkraftwerks nur Lhasas Industriegürtel versorgen, in dem fast ausschließlich chinesische Einwanderer arbeiten.
Der Traum der Tibeter, die Millionen Chinesen könnten das Land freiwillig verlassen und der Dalai Lama werde noch zu Lebzeiten zurückkehren, ehe alle natürlichen Reichtümer ausgebeutet sind, läßt sich kaum noch verwirklichen. Zu intensiver Ackerbau laugt die wenigen fruchtbaren Böden aus, die Wälder sind schon zur Hälfte vernichtet. In der Gegend um Kongpo haben 20 000 Soldaten und tibetische Gefangene die Hügelketten kahlgeschlagen.
Den regionalen Öko-Dramen "werden vielleicht bald Tragödien von kontinentalem Ausmaß folgen", befürchtet der indische Tibet-Forscher Sanjeev Prakash. Sieben der wichtigsten Flüsse Asiens, darunter Jangtse, Mekong und Brahmaputra, entspringen in Tibet oder durchqueren das Hochland. 2,5 Milliarden Menschen, knapp die Hälfte aller Erdbewohner, leben vom Wasser dieser Giganten.
Durch die Abholzungen nahmen Schlamm und Überschwemmungen bereits zu. Die Vegetation des tibetischen Plateaus beeinflußt auch die Schneeschmelze im Himalaja sowie die Regenfälle. Jede weitere größere Veränderung, warnt Sanjeev Prakash, der im Auftrag des Dalai Lama eine gründliche Umweltanalyse Tibets verfaßte, "könnte die Sommermonsune verzögern oder sogar abschwächen".
Daß die globale Öko-Krise das Dach der Welt schon erreicht hat, konnten Bergsteiger aus Europa beobachten, als im Golfkrieg monatelang die Ölquellen brannten. Der Südtiroler Kletterer Hans Kammerlander, ein erfahrener Alpinist, fand auf der Südseite des Himalaja-Hauptkammes, auf 6000 Meter Höhe, Rußspuren im Schnee.
Auf dem Teewasser schwamm Öl, unter einigen Steinen "war es rußig wie rund um einen defekten Ölbrenner", erzählt der Südtiroler. Bei einem schweren Gewitter, "das früher auf so einer Höhe nie gefährlich war", aber jetzt möglicherweise durch die plötzlich erwärmte und verschmutzte Luft verstärkt wurde, verlor Kammerlander zwei Freunde durch Blitzschlag.
"Ein einziger Wahnsinn", sagt Kammerlander und denkt dabei weniger an dieses Unglück als an die geschundene Bergwelt rundherum. Denn die Rolle der Chinesen, die in Tibet die Kultur und Umwelt zerstören, übernehmen in Nepal die Touristen aus Europa, Japan und den USA.
Fast 300 000 Besucher bereisen jährlich das nepalesische Königreich, das sich 1960 vorbehaltlos dem Tourismus öffnete. Und viel zu viele zieht es in die Everest-Region, zum Berg der Berge.
Zwischen der schrägen Schotterpiste von Lukla, auf der die Piloten so unsicher landen wie ein Skispringer hinter dem kritischen Punkt einer Schanze, und dem Basislager auf 5400 Meter haben Träger, Touristen und Tragtiere ein ganzes Tal kaputtgetrampelt. Die Preise für spanisches Bier, Mars-Schokoriegel und Coca-Cola, die mit der Entfernung zum Flughafen beständig ansteigen, ersetzen den Höhenmesser.
Wie ein übergroßer, aus den Fugen geratener Schießstand klebt das Everest-View-Hotel auf einer Hügelkuppe - eine Perversion des Luxus. Schulkinder schleppen am Morgen stundenlang 40 Kilo schwere Wasserkanister auf einem glatten, steinigen Pfad zum Hotel hoch, vor allem für die Toilettenspülung. Fast alle Gäste reisen im Flugzeug an und auch gleich wieder ab, weil sie in der dünnen, sauerstoffarmen Luft zusammenbrechen.
Brennholz, das noch vor einigen Jahren reichlich vorhanden war, ist jetzt eine kostbare Rarität. Im weitläufigen Sagarmatha-Nationalpark um den Everest dürfen nur noch abgestorbene Bäume gefällt werden. Doch in ihrer Not haben sich die einheimischen Scherpa-Familien gegen die Natur verschworen. Sie malträtieren den Wald entlang der Wege nach einem bewährten Ritual. Zunächst hacken die Holzsucher im Vorbeigehen wochenlang auf den Stamm ein. Rinnt das Harz in Strömen, zünden sie es an. Da fast niemand bislang eine Säge besitzt, können sie vom toten Baum aber nur einen Bruchteil abtransportieren.
Der Frevel bringt kaum etwas ein. Die Hauptabnehmer, die Teehäuser, beheizen ihre Gasträume fast zum Nulltarif. 20 Rupien, gerade 66 Pfennig, verrechnet eines der gepflegtesten Häuser, die Khumjung Lodge, für eine Nacht im Gemeinschaftszimmer. Das Brennholz für die heiße Dusche kostet 50 Rupien extra.
Immerhin sind die ausufernden Müllhalden jetzt Tagesgespräch. Allein in diesem Jahr wollen vier Expeditionstrupps aufbrechen, um die etwa 17 Tonnen verrottete Sauerstoffflaschen, Seile, Zeltreste, Alubüchsen sowie Plastikmüll aus 8000 Meter Höhe zu bergen. Fernsehteams und Profifotografen werden jeden der heldenhaften Trips dokumentieren. Die Projekte verschlingen einige Millionen Dollar, die von Firmen und privaten Spendern aufgebracht werden.
"Wozu reisen so viele Menschen um den halben Erdball?" fragt Lhakpa Norbu Scherpa, ein früherer Aufseher im Everest-Nationalpark, entgeistert. "Wir könnten das für einen Spottpreis allein erledigen und mit dem vielen restlichen Geld unseren Leuten helfen."
Doch seit sich der weiße Mann das Eis am Himalaja eroberte, bleiben die Scherpas außen vor. Touristen und Kletterer gaben in den vergangenen vier Jahrzehnten mindestens 100 Millionen Dollar aus, um den höchsten Berg der Erde zu bezwingen oder ihm möglichst nahe zu kommen.
Mehr als 200 000 Ausländer haben das Tal inzwischen durchwandert. Deutsche Reiseveranstalter kassieren von ihren Kunden für knapp drei Wochen in Nepal um 4800, manchmal sogar über 7000 Mark. Die Unternehmen müssen, inklusive Langstreckenflug, kaum mehr als die Hälfte des Betrags als Kosten abbuchen.
Die Scherpas, welche die Hauptlast des Tourismus und das Gepäck der Besucher tragen, fallen bei der Kalkulation nicht ins Gewicht. In der Everest-Region kämpft keine Gewerkschaft für sie, die Tourismusunternehmen drücken auf die Preise. 150 Rupien (knapp fünf Mark) erhalten die Träger pro Tag, wenn sie einen 30 Kilo schweren Lastkorb bis auf 4000 Meter schleppen, weiter oben etwas mehr. Für Ausrüstung, Essen und Unterkunft muß jeder selbst aufkommen. So reicht es nur zu abgewetzten Sandalen oder durchlöcherten Plastikstiefeln; in der Nacht frieren die Scherpas in Ställen auf Stroh.
Die Konkurrenz für die etwa 8000 Scherpa-Familien ist übermächtig. Kaum erkranken die Träger oder Trägerinnen an den Gelenken oder am Rücken, steht Nachschub aus dem Süden Nepals bereit.
In den Häusern findet sich nicht einmal ein Kamin. Die Wärme aus dem Herdofen wird im Zimmer gespeichert, der Rauch belegt die Bronchien. Schweine, Hühner und Rinder sind im Erdgeschoß untergebracht. Sie stinken, locken Ungeziefer an.
"Richtig rebellisch" würde Hildegard Götz, Hausfrau aus Witten im Ruhrgebiet, müßte sie so leben. "Doch die Menschen hier wollen es gar nicht anders", glaubt sie am Ende ihres Gruppenurlaubs mit dem Deutschen Alpenverein. "Die Scherpas hängen überhaupt nicht am Geld, sind so religiös und haben einfach eine ganz andere Mentalität", verdrängt sie Elend und Armut.
Die facettenreiche Scherpa-Kultur beschäftigt die meisten Besucher nur, wenn sie sich fotografisch verwerten läßt. Mit dem Einzug des Tourismus und der Videobänder geht allerdings auch unter den Einheimischen die Tradition verloren. "Die alten Männer sind tot, und die Kinder wollen nicht mehr hören, was ihnen die Eltern erzählen können", bedauert Karmo Scherpa. Er lebt als Souvenirverkäufer im Hauptort des Solukhumbu, in Namtsche Basar, das einem Amphitheater für Riesenmenschen gleicht. Die Häuser wirken wie steinerne Sitze, die in Eis erstarrten Wasserfälle auf der anderen Talseite sind das Bühnenbild.
Der Religion ist die Zeit davongelaufen. Nur noch ganz selten umrunden Scherpas geduldig Dutzende Male die unzähligen buddhistischen Stupas und Manis (steinerne Schrifttafeln), um Götter und Geister zu besänftigen. "Viel zuviel zu tun" habe er, erklärt der Pensionsbesitzer Ang Dordschi. In dem farbenprächtigen, jahrhundertealten Tempel vor seinem Vaterhaus stapeln sich Decken, Kisten und Koffer.
Plastikplanen, Isoliermatten und Chemikalienbehälter füllen auch das Wohnzimmer seines Freundes Ang Tsering Scherpa. Sie sind das einzige, was Tsering von seinen jahrelangen Bergtouren geblieben ist. Er hat sich auf schwierige Winterexpeditionen spezialisiert, als Scherpa-Mannschaftsführer organisierte er sechs Everest-Besteigungen.
"Fast allen erfahrenen Scherpa-Kletterern", erzählt er, "geht es heute finanziell sehr schlecht, und sie sind oft geistig krank, da sie sich zu lange in extremen Höhen aufhielten." Sungdare Scherpa zum Beispiel stand fünfmal auf dem höchsten Gipfel der Welt, den äußerst anspruchsvollen Pumori-Aufstieg schaffte er in elf Stunden. "Als Preis erhielt er eine große Medaille und einen großen Namen, aber kein Geld", so Tsering. Hochverschuldet und depressiv stürzte sich Sungdare 1988 von einer Brücke bei Lobutsche.
Mingma Scherpa begleitete 1978 Reinhold Messner, den Begründer der egomanischen Bergideologie ("Meine Fahne ist mein Taschentuch"), bei dessen Erstbesteigung des Everest ohne Sauerstoff bis zum Gipfel. "Heute ist Mingma für Messner nur noch ein Stück Scheiße", sagt Ang Dordschi. Mingma begann zu trinken, seine Frau verließ ihn, sein Haus in Khumjung zählt zu den armseligsten. Er ist jetzt 38 und sucht einen Job.
Der Gipfelwahn und eine perverse Rekordsucht verwandeln die Bergsteiger bisweilen in "egozentrische Monster", wie der Chirurg Michael Sinclair aus Pennsylvania bekennt. Zum dritten Mal versucht sich Sinclair in diesen Wochen am Everest. Zur gleichen Zeit treten 150 andere Kletterer an, darunter 16 recht ungeübte Frauen aus Indien.
"Zum Glück sind wir noch rechtzeitig in den Himalaja gereist", freut sich Sinclairs stämmiger Teamkollege Craig Reigel aus Vail in Colorado, der sich bis zum Basislager in kurzen Hosen durchschlägt. "Die Einheimischen werden dazulernen und eines Tages die Preise diktieren."
Noch sind es die Kletterer, die sich wie "Pferdehändler" benehmen, beobachtete der Bergführer Iman Singh Gurung. Amerikaner, die in der vergangenen Herbstsaison als erste die Eisfallroute zum South Col mit Seilen und Leitern erschlossen hatten, verlangten von den nachfolgenden Expeditionen Tausende Dollar "Mautgebühr".
Nur ein Gipfelstürmer, darin sind sich die Scherpas vom Mount Everest einig, ist über jeden Verdacht erhaben: der erste von allen.
"Sir Edmund Hillary ist der Vater der Scherpas", schwärmt Ang Dordschi, "wir schulden ihm alles." Nachdem Hillary vor genau 40 Jahren gemeinsam mit Scherpa Tensing Norgay den Everest bestiegen hatte, gründete er eine Stiftung, die in Nepal bislang 22 Schulen und mehrere Krankenhäuser baute.
Hillarys Hilfe allein kann die Abwanderung aber nicht stoppen. Vor allem junge Scherpas ziehen, wie Hunderttausende Nepalesen aus noch ärmeren Regionen, hinunter ins Katmandu-Tal.
Slums haben die mittelalterlichen Stadtkerne und Tempel eingeschnürt, der Touristenboom überrollte den fruchtbaren Talkessel, den drei Könige einst gleichzeitig regierten. Gewaltige Ziegelfabriken und Zementwerke blasen jetzt mehr Staub in die Luft als in jeder vergleichbaren Region der Erde. Die Luft strapaziert die Schleimhäute wie sonst nur noch in Mexiko-Stadt oder Santiago de Chile.
Am Morgen schon brennen die Augen, mittags schmerzt der Hals, gegen Abend kommt der Husten. In den engen Straßen Katmandus vermischt sich der Staub auf hinterhältige Weise mit den schwarzen Abgasfahnen der knatternden Motor-Rikschas.
Wenn Kanak Mani Dixit, einer der führenden Intellektuellen Nepals und Herausgeber der behutsam kritischen Zeitschrift Himal, seinen Besuchern das spektakuläre Gebirgspanorama von Katmandu präsentieren will, steigt er auf das Dach seines Redaktionsgebäudes, zeigt auf einer eigens angefertigten Karte die einzelnen Gipfel und deutet dann in deren Richtung. Wegen des dichten Smogs ist indes keine einzige Bergspitze mit bloßem Auge zu erkennen.
Die prächtigen Wälder sind ebenfalls schon weitgehend verschwunden, Händler mit exzellenten Beziehungen zur Machtelite schmuggeln die wertvollen Hölzer nach Indien. Geht es so weiter, dürfte das Land bis zur Jahrtausendwende gänzlich abgeholzt sein. In weiten Teilen findet sich kaum noch ein Hügel, an dem die Erosion nicht schon kunstvoll angelegte Reisterrassen wegrutschen ließ.
Nepal, von Aussteigern und Ethnologen vor wenigen Jahrzehnten noch als Paradies verklärt, scheint verloren. Umweltschützer und Entwicklungspolitiker wenden sich mit Grauen ab. "Fürchterlich", sagt Anil Agarwal deprimiert, der Chef des Zentrums für Ökologie und Wissenschaft in Neu-Delhi. "Eine traurige Geschichte", resigniert Paul Matthews, Direktor der UN-Entwicklungsorganisation UNDP.
Doch das neue Schangri-La hat sich schon offenbart. Es liegt fast nebenan wie eine kleine, versteckte Tasche im Faltenwurf des Himalaja: das Königreich Bhutan, Druk Jül genannt, Land des Drachens.
Als "Modell für die Welt in einer großartigen Umgebung" rühmt Dawa Tsering seine Heimat, die er als Außenminister seit 21 Jahren vertritt. Keiner seiner Kollegen ist länger im Amt, kaum einer kann seine Macht so zelebrieren wie er. Seine Gäste empfängt er im größten Holzbau Asiens, dem Dzong von Thimphu, einer Trutzburg, die Regierung wie auch religiöse Führung vor Volk und Feinden schützt.
"Alle traditionellen Institutionen, die Philosophie und die Kultur sind in Bhutan noch intakt", erklärt Dawa Tsering. "Wir bauen unser Glück nicht auf Staubsauger und Waschmaschinen wie im Westen." Lange bevor "sich die materialistische Welt darauf besann, schützten wir schon die Natur, da wir an die Existenz von Geistern in Tieren und Pflanzen glauben".
Routiniert und genüßlich nennt der Außenminister dann imposante Zahlen: Intakte Wälder bedecken noch 64 Prozent der Fläche Bhutans, das etwas größer ist als die Schweiz und nur 600 000 Einwohner zählt. Dem Massentourismus bleibt das Königreich trotz Dzongka-Schlössern und geisterbahnartiger Bergstraßen versperrt. Einzelreisenden werden pro Tag 260 Dollar berechnet, lediglich 2800 Touristen kamen im Vorjahr.
85 Prozent der Bevölkerung leben noch auf dem Land, Neubauten dürfen nur im alten Stil errichtet werden - ohne Nägel und Beton. Industriebetriebe siedelt die Regierung nicht an. Kranke werden vergleichsweise gut versorgt und gratis behandelt.
"Für unsere Politik", sagt Dawa Tsering, "erhalten wir jede Menge Unterstützung." Internationale Entwicklungshilfe-Organisationen, frustriert vom globalen Mißerfolg an fast allen Einsatzorten, hätscheln den kleinen, zwischen den asiatischen Großmächten China und Indien gelegenen Himalaja-Staat wie ein Wunderkind. Uno, WWF und ein Dutzend Staaten, voran Indien, Japan und die Schweiz, finanzieren zwei Drittel des Staatsbudgets. Doch der Preis, den die Bhutaner bezahlen müssen, ist gewaltig: Sie leben in einer buddhistischen Öko-Diktatur.
Schlagbäume versperren alle 50 Kilometer die Straßen, Polizisten überprüfen jedes Fahrzeug. Für längere Strecken benötigen auch die Einheimischen Sondergenehmigungen. Wer die Nationaltracht, einen knielangen Schlafrock, nicht trägt, zahlt 150 Ngultrum Strafe - für die meisten ein Wochenlohn. Nach drei Verstößen droht Gefängnis.
Rauchen und Fernsehen sind verboten, die bereits importierten Satellitenschüsseln wurden vor vier Jahren eingesammelt. Videofilme hingegen, darunter Pornos und Gewaltstreifen, dürfen gezeigt werden - nur einer der Widersprüche, in die sich Bhutans Puristen verheddern.
Der Staat besitzt alle Wälder, jeder Baumeinschlag muß genehmigt werden. König Dschigme Singhi Wangtschuk bestimmt, wer in die Stadt umziehen darf und wer neues Ackerland erhält. Nur die Familie der vier Schwestern, die der König 1988 gleichzeitig offiziell heiratete, genießt fürstliche Privilegien. Der Vater der Königinnen kontrolliert inzwischen Fabriken, Hotels und das einzige große Sägewerk.
In der prosperierenden Region Bhumthang ähnelt der "Dzongda", ein vom König ernannter Statthalter, "einem Gewitter mit grellen Blitzen und schrecklichem Donner", meint ein Entwicklungshelfer. Bei Rundgängen erschießt der Regierungsmann räudige Hunde, mißliebige Untertanen steckt er wegen Bagatellen ins Gefängnis oder läßt sie von seiner Garde mit Bambusstöcken verprügeln. "Der Stecken", so sagt er, "ist die einzige Sprache, welche die Leute verstehen."
"Arbeitslager" steht auf den Schildern vor den undichten Wellblechhütten, in denen Tausende Inder mit ihren Familien streng getrennt und fernab von den Einheimischen leben. Wie Leibeigene bauten sie, nur mit Dynamit und fast ohne Werkzeuge, Bhutans eindrucksvolles Straßennetz. Es wurde vom Nachbarn Indien finanziert, damit dessen Panzer im Krisenfall schnell an die chinesische Grenze vorrücken können. Erdrutsche und Schlaglöcher machen die Erhaltung zu einer kostspieligen Sisyphusarbeit, die Bhutan nur widerwillig übernehmen will.
Dabei klagen die Regierenden von Thimphu über einen Arbeitskräftemangel, den sie selbst verschuldet haben. Seit 1986 vertrieben sie aus dem Süden ihres Landes etwa 80 000 Bewohner nepalesischer Herkunft. Sie sollen illegal eingewandert oder zumindest "Anti-Nationale" sein.
"Ethnische Säuberung" nennen das die Uno-Beamten in den Flüchtlingslagern von Nepal. Vermutlich nur 20 000 Menschen hatten sich in der Vergangenheit über die grüne Grenze nach Bhutan geschmuggelt, obwohl der Himalaja-Staat für die Hungernden aus der Region so attraktiv ist wie die Bundesrepublik Deutschland für Rumänen.
"Jede Öffnung", erklärt Außenminister Dawa Tsering heuchlerisch, "bedeutet Materialismus." Den Kokon hat er selbst längst zerrissen: Seine drei Töchter und zwei Söhne studierten wie der Nachwuchs Hunderter anderer hoher Regierungsbeamter ("Dasho") im Ausland, vier schickte Dawa Tsering sogar an Eliteuniversitäten in den Vereinigten Staaten.
Jetzt zählen sie zu den verzogenen "Dasho-Kids", die in Thimphu mit ihrer Langeweile kämpfen und um lukrative Jobs raufen, vor allem in der Tourismusbranche. "Es geht erst richtig los", freut sich der junge Wirt in der Deschen-Bar, "in ein paar Jahren ist die Stadt nicht wiederzuerkennen." 29 private Reiseunternehmen hat der König schon genehmigt, neue Hotels werden gebaut. Wer zu Geld kommt, fährt Landrover.
Wie "im Mittelalter mit Mercedes-Benz" fühlt sich Peter Stähli, der zehn Jahre lang in Afrika Erfahrungen sammelte, ehe er zum Chef der staatlichen Schweizer Helvetas-Hilfe in Bhutan ernannt wurde.
Die Eidgenossen entdeckten sich im abgeschiedenen Himalaja-Staat wieder. Mit Millionenaufwand fördern sie eine naturverträgliche Forst- und Viehwirtschaft, die bhutanische Elite fliegt zum Leibarzt nach Zürich. Nirgendwo sonst erlebte Stähli "so nahezu ideale Arbeitsbedingungen", durch die "Gnade des späten Kontakts" mit der Außenwelt blieb in Bhutan die Chance zu einer "nachhaltigen Entwicklung" gewahrt - Traum aller Ökologen.
"Man muß die Leute hier nicht kaufen, um ihnen etwas zu verkaufen", schwärmt der Schweizer. Regelmäßig bereist der 37 Jahre alte König die Dörfer im ganzen Land. Geduldig nimmt er die Bittschriften der Bürger entgegen, in Umweltfragen zeigt er sich kenntnisreich.
Der absolutistische Monarch und einige seiner Helfer haben Stähli in ihren Bann gezogen. In seinem staatlichen Büro mit Blick auf den Regierungs- und Mönchspalast sinniert der Alt-68er aus Bern über seine radikal veränderte Weltsicht: "Für ein Entwicklungsland ist ein guter Diktator das beste."
Erschienen im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", 24.5.1993