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"Wir sind explosive Wesen"

 

Der Schriftsteller Peter Turrini über das Morden, Österreich und sein neues Stück "Die Schlacht um Wien" - im SPIEGEL-Gespräch mit H.P. Martin

SPIEGEL: Herr Turrini, Ihr jüngstes Werk "Die Schlacht um Wien" steht vor der Uraufführung am Wiener Burgtheater. Früher protestierten aufgebrachte Politiker und Kirchenleute schon vor der Premiere. Wo bleibt diesmal der Skandal um Sie und Regisseur Claus Peymann?

Turrini: Ich bin doch froh, daß es so ruhig ist. Diese Skandale bringen die Menschen nur auf und verstellen den Blick. Der Skandal ist eher eine Kriegserklärung gegen das Stück, die Qualität einer Theaterarbeit hängt nicht vom Geschrei rundherum ab, sondern davon, ob es gelingt, die Menschen aus einem zutiefst inneren Gefühl heraus zu berühren.

SPIEGEL: "Die Schlacht um Wien" spannt den Bogen von der Welterschaffung bis zu ihrem vermeintlichen Untergang. Sieben Wohlstandsbürger treffen sich im Wald, aus der Lust am Morden. Statt aber wie geplant ein Asylantenheim abzufackeln, bringen sich einige, getrieben von ihren Aggressionen und Enttäuschungen, selbst um. Zurück bleibt das Gefühl, alles sei in Auflösung.

Turrini: Ich erzähle die Geschichte des heraufdämmernden neuen Mittelalters. Wir befinden uns generell in einem Kriegszustand. Je nach Mentalität und Möglichkeit wird er im Moment unterschiedlich ausgetragen: in Jugoslawien massenweise, in Deutschland häuserweise, in Österreich besonders hinterfotzig mit Hilfe von Briefbomben und Sprengsätzen. Die Menschen sind an den Rand ihrer gegenseitigen Erträglichkeit geraten. Das ist kein Phänomen von Tuzla und Umgebung. Es ist europaweit so, auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Wir sind explosive Wesen geworden.

SPIEGEL: Im burgenländischen Oberwart haben Rechtsradikale vier Roma ermordet, der Rechtspopulist Jörg Haider rückt in Österreich der Macht immer näher. Kommt Ihr Stück nicht zu spät?

Turrini: Wissen Sie, wenn Journalisten mich jetzt immer wieder drängen, etwas Warnendes zu unserer präfaschistischen Situation zu sagen, bekomme ich einen Lachanfall. Seit 40 Jahren beschreiben die österreichischen Literaten den Faschismus in diesem Lande, den Fremdenhaß, die verkappte Mordlust. Dafür wurden ihre Arbeiten ignoriert, verspottet und als reine Übertreibung hingestellt.

SPIEGEL: Rechtsradikale politische Morde sind in den 50 Jahren der Zweiten Republik aber etwas Neues.

Turrini: Sie irren. Diese Republik ist buchstäblich auf Mord gegründet worden. Als im April 1945 bereits die provisorische Regierung ausgerufen war und im Parlament tagte, wurden noch etwa 2000 jüdische Zwangsarbeiter durch die Lande getrieben. Bei diesen Todesmärschen sind in fast jedem Dorf, auch in Oberwart, einige von ihnen erschlagen worden, und zwar von den Dorfbewohnern. Doch diese Mörderrepublik hat das verdrängt. Die Täter haben die Wehrmachtsuniform ausgezogen und das Gastwirtsgewand angezogen. Die Mörder stellten sich vors Weiße Rößl und sagten: Wir sind Wirte, willkommen in Österreich.

SPIEGEL: Aber der Rest der Welt hat gern an die Postkarte Österreich geglaubt.

Turrini: Wir haben die Welt ganz schön angeschmiert und blendend Theater gespielt. In den ersten drei Jahren nach dem Krieg produzierte dieses kleine Land 42 Spielfilme, vermutlich ein Weltrekord. Der Österreicher war darin der gastfreundliche Dodel, das Land bot sich als Hawaii Mitteleuropas an. Nur wenn sich Kurt Waldheim verplappert oder einige Roma umgebracht werden, fällt auf, daß etwas nicht stimmt.

SPIEGEL: Am vergangenen Mittwoch, bei der Feier zur Republikgründung auf dem Wiener Heldenplatz, enthielt Ihre Rede die provokante Frage: "Liebe Mörder, wie geht es euch?"

Turrini: Ich versuche, mich an das schweigende Österreich zu wenden. Ich verstehe einfach nicht, wie man Menschen in die Luft sprengen kann. Diese Mörder leben unerkannt mit mir in einem Land, und halb Österreich sympathisiert mit ihnen.

SPIEGEL: Sie übertreiben.

Turrini: Wahrscheinlich ist es sogar mehr als die Hälfte. Ich bin ein Mensch, der mit allem, was er sich an Schrecklichkeiten ausgedacht hat, von noch Schrecklicherem eingeholt wurde. Keine meiner Übertreibungen war so maßlos wie die Wirklichkeit. In dieser Hinsicht bin ich ein völlig gescheiterter Autor.

SPIEGEL: Verbindet dieses Schicksal Sie mit Thomas Bernhard?

Turrini: Darauf kann ich nur sehr persönlich antworten. Als Kind versucht man dazuzugehören, ich wollte Teil meines Kärntner Dorfes sein, dieses Landes. Das funktionierte nicht. Mein Vater war Italiener, Ausländer, er sah aus wie ein Sendbote der Mafia. Später lebte ich jahrelang in anderen Ländern, schleppte aber das verpatzte, mißlungene Österreich immer mit mir herum. Den meisten Schriftstellern meiner Generation ging es ähnlich.

SPIEGEL: Thomas Bernhard starb 1989, Peter Handke floh nach Paris. Werden Sie das Land verlassen, wenn Jörg Haider Kanzler werden sollte?

Turrini: Ich fühle mich in Österreich fremd, aber auch anderswo. Da kann ich gleich hierbleiben. Außerdem habe ich hier ein Kind.

SPIEGEL: Kennen Sie Haider persönlich?

Turrini: Haider existiert gar nicht. Er ist eine Zusammenfassung aller schlechten österreichischen Eigenschaften, eine Mischung aus Opportunismus und Fremdenfeindlichkeit. Haider ist eine Erfindung, da es zu aufwendig wäre, Millionen Österreicher immer in den Zeitungen zu beschreiben. Haider heißt in Wirklichkeit Haiduschka und stammt aus Trutnov in Nordböhmen. Er hat das Auftreten eines wendigen Kellners, deshalb fallen auch die Deutschen auf ihn herein.

SPIEGEL: Wer hat ihn denn erfunden?

Turrini: Die Journalisten. In diesem Lande werden Erfindungen so lange aufrechterhalten, bis sie für wirklich gehalten werden. Die Medien haben den Zeitpunkt verpaßt, sich rechtzeitig von ihrem Einfall zu distanzieren. Österreich gibt es in Wahrheit ja auch nicht.

SPIEGEL: Jetzt im Ernst: Haider hat behauptet, Österreich sei eine "ideologische Mißgeburt". Meinen Sie das etwa auch?

Turrini: Ja, aber in einem anderen Sinne. Das Land ist ein europäisches Gemisch mit stark slawischem Einschlag. Diese Promenadenmischung gibt sich als deutscher Schäferhund aus, und Haider ist der oberste Schäferhund. Das ist die wahre österreichische Tragödie, die natürlich auch eine Komödie ist. Könnte der Österreicher sein Durcheinander lieben, das andere in ihm, was für ein schönes Land wäre das.

SPIEGEL: Das Gegenteil findet statt: Die Menschen klammern sich immer mehr an eine nationale Zugehörigkeit.

Turrini: Es ist ein entscheidender Unterschied, ob sich ein Deutscher gegenüber einem Polen abgrenzt oder ein österreichischer Tscheche gegenüber einem Tschechen. Ein Düsseldorfer, der einen Türken nicht mag, ist zwar ein Volldepp, aber er mag einen anderen nicht. Ein Österreicher, der einen Tschechen nicht mag, mag sich selbst nicht. Dieses Land und seine Literatur sind nur begreifbar aus dieser Tragikomödie.

SPIEGEL: Fast alle Ihre Stücke enden aber in der Katastrophe. In der "Rozznjogd" von 1971 wird das Liebespaar von Unbekannten erschossen, in den "Minderleistern" von 1988 springt der Hauptdarsteller in den Hochofen, "Die Schlacht um Wien" schließlich ist die Geschichte einer Mördergruppe.

Turrini: Das Morden läßt mich tatsächlich nicht los. Mein Österreich ist übersäht mit Toten, mit toten Juden, toten Zigeunern. Und immer heißt es, das stimmt gar nicht, die sind gar nicht tot. In den fünfziger Jahren saßen die Dorfhonoratioren in den Gasthäusern und sagten: Das mit den sechs Millionen ermordeten Juden ist ein Blödsinn. Erstens waren es viel weniger, und zweitens sind sie alle wieder zurückgekommen. Ich habe mir damals gedacht, das ist wie im Theater: Die Toten stehen wieder auf. Der Nazi-Lehrer, der jetzt der Schuldirektor ist, und der Massenmord, das ist alles ein Spiel. Es gibt keine Mörder, nur Mörderdarsteller. Deshalb bin ich zum Theater gegangen, um endlich etwas von der Wirklichkeit zu erfahren.

SPIEGEL: Das Theater ist doch etwas höchst Irreales.

Turrini: Für mich ist das Theater der einzige Ort der Wirklichkeit. Da kann man aus allen Lügen ausbrechen, aus den politischen und aus den Lebenslügen.

SPIEGEL: Warum sind Ihre Bühnenfiguren so durchgängig obsessiv?

Turrini: Die Obsession ist die einzige Möglichkeit, dem Leben noch eine Spur von Anderssein abzugewinnen, vielleicht auch von Glücklichsein. Aus dem Gefängnis der Lügen und der Verordnungen, in das man hineingeboren wurde, kann man nur ausbrechen, wenn man sich etwas äußerst Schamloses, Verrücktes, Merkwürdiges oder sehr Moralisches vorstellt. Manchmal gelingt es, für einen kurzen Moment.

SPIEGEL: Ihre wichtigste Obsession ist die Sexualität. Kritiker halten Sie für einen "Zwangspornographen".

Turrini: Was glauben Sie, wofür ich die Kritiker halte? In jedem halbwegs anspruchsvollen Theaterstück geht es ums Ficken, um was denn sonst? Die Fremdheit, die Berührungsangst, der Sauberkeitswahn, der sich zwischen uns aufgetürmt hat, ist nur noch durch die Gier zu überbrücken. Die Gier ist die wahre Anarchie. Darum flüchten sich so viele Menschen in die Produkte der Pornoindustrie. Die schmecken nicht und riechen nicht und reden nicht zurück.

SPIEGEL: Sie pflegen noch eine weitere Obsession, nämlich die Gewalt: In "Tod und Teufel" ließen Sie Leichen als Jagdtrophäen auf die Bühne karren.

Turrini: Ich bin in einer bilderlosen Welt aufgewachsen, in einer Verschwörung des Schweigens. Die Leichen wurden hinter einem Vorhang versteckt. Uns war jeder Einfall recht, diesen Vorhang zu besudeln. Der Wiener Aktionismus zum Beispiel schüttete mit Regelblut und Urin herum. Wir schrien mit allen Mitteln, und die anderen schwiegen. Doch heute wird überall wie verrückt geschrien. Ich kann doch nicht zu diesem Leichenberg, der allabendlich im Fernsehen aufgehäuft wird, noch eine Theaterleiche hinzulegen.

SPIEGEL: Aber das tun Sie doch auch in der "Schlacht um Wien".

Turrini: Ich wiederhole keine Medienbilder, ich erzähle den Schrecken mit den Mitteln des Theaters. Das Theater würde sich selbst abschaffen, wenn es zu einem zeitverzögerten Nachbilder oder Aufarbeiter der Medien wird. Das reale Schreckensbild aus Sarajevo, als eine Granate in eine Schulklasse einschlug, war vollkommen. Das Theater kann und soll nicht noch blutigere Schulbänke zeigen.

SPIEGEL: Welche Reaktion bleibt Ihnen noch, was ist angemessen?

Turrini: Du kannst nur noch gehört werden, wenn du ganz wenig und ganz selten etwas sagst. Du kannst nur etwas von der Welt erfahren, wenn du möglichst wenig Zeitung liest. Du entwickelst wieder Beziehungen, wenn du Beziehungen aufgibst. Du kannst wieder auf jemanden hören, wenn du dein Telefon abmeldest. Was wir an Kommunikationsmaschinen und Bilderfluten bis zum Wahnsinn steigern, bringt uns immer weiter voneinander weg.

SPIEGEL: Ist dies der Grund für Ihren Rückzug als Fernsehautor?

Turrini: Bei so vielen Programmen gleichzeitig ist es doch völlig gleichgültig, was im Fernsehen gezeigt wird. Was helfen mir Millionen Zuseher, wenn die zwischendurch alle zu "Derrick" wandern oder sonstwohin. Das macht einen Dichter, dessen Würde im Erzählen einer ganzen Geschichte besteht, verrückt. Das wäre ja so, als würden die Burgtheater-Besucher während meines Stückes kurz ins Theater in der Josefstadt gehen oder zum Würstelstand und wieder zurück.

SPIEGEL: Im Theater entkommen Ihnen die Zuschauer nicht so leicht.

Turrini: Richtig. Da sitzen sie so eng, daß niemand zu flüchten wagt. Meine abendliche Einschaltquote liegt bei ungefähr 499 Menschen, und das freut mich sehr. Die hören mir ganze zwei Stunden zu, das ist eine Liebeserklärung. Das geht weit über die Liebe unter Eheleuten hinaus.

SPIEGEL: Ihr Abschied vom Fernsehen, vom Millionenpublikum, überläßt anderen das Feld - und das in einer Zeit, in der die intellektuelle Debatte von der Neuen Rechten bestimmt wird.

Turrini: Der Geschwindigkeit der deutschen Geisteswanderungen habe ich nie entsprechen können. Daß sich ein Dichter der Sprachregelung der deutschen Linken auf Dauer nicht hingeben kann und will, verstehe ich allerdings sehr gut.

SPIEGEL: Sie meinen den Autor Botho Strauß . . .

Turrini: . . . ja, aber die politische Rechte, in deren Nähe er und andere geraten, hat letzten Endes immer nur mit der Gewalt spekuliert. Die Geisteslust der deutschen Rechten war immer gering, aber die Mordlust groß. Sie hat niemals ein Programm des Denkens erstellt, sondern immer ein Programm des Handelns, des Zuschlagens. Früher oder später wird einem Dichter, der mit den Rechten sympathisiert, von Rechten, die ihm gar nicht sympathisch sind, eines auf den Kopf gehauen werden.

SPIEGEL: Auch die linken Denker sind unter Beschuß. Trifft es Sie, wenn Peter Handke sich freut, "daß die Linke endlich den Mund hält"?

Turrini: Ich halte das für eine feinnervige Bemerkung. Peter Handke lebt in der Sprache und leidet an den Sprachredundanzen der Linken.

SPIEGEL: Auch Sie argumentieren nur ästhetisch. Das politische Versagen des Sozialismus ist doch längst Geschichte.

Turrini: Das mag ja sein, aber die beschissenen sozialen Verhältnisse sind es nicht. Das steht ja sogar im SPIEGEL. Es gibt eine zunehmende Verelendung in den deutschen Städten, die Arbeitslosigkeit wächst. Daß sich darum keine Studentenbewegung kümmert, ist nur bezeichnend für den ruckartigen Ideologiewechsel unter deutschen Geistesmenschen. Es sagt nichts über die Lage der betroffenen Menschen.

SPIEGEL: Spricht da der alte Unterstützer der Kommunisten?

Turrini: Ich habe schon immer ein Faible für eine schöne Ideologie gehabt. Die aufgehende Sonne am Horizont von Vietnam oder China, oder wo meine Generation sie eben gerade aufgehen sah, ist ja wirklich etwas Schöneres als ein morgendlicher Kater.

SPIEGEL: Aber der Blick in die Sonne macht blind.

Turrini: Ich würde gerne weiterhin mit ideologischer Blindheit durch die Welt schreiten, aber das dürfen jetzt nur die Katholiken. Sie sehen alles unter dem Blickwinkel der göttlichen Erlösung. Damit ist die größte Katastrophe erträglich, weil der liebe Gott schon dafür sorgen wird, daß es einmal besser wird. Und sei es im Paradies.

SPIEGEL: Ist der als Gotteslästerer verschmähte Peter Turrini im Grunde seines Herzens zutiefst katholisch?

Turrini: Zutiefst. Ich halte die Welt überhaupt nicht aus, ohne mir von ihr zwischendurch paradiesische Vorstellungen zu machen.

SPIEGEL: Im neuen Stück tritt Gottvater persönlich auf, schweigt aber.

Turrini: Der liebe Gott war in meinem Leben übermächtig. Ich kenne heute noch alle Bilder, die es von ihm im Religionsbuch gab. In der "Schlacht um Wien" ist er für mich ein Entsprungener aus einem Debilenheim, der sich ein bißchen Watte aufgeklebt hat und als Gott durch die Gegend rennt.

SPIEGEL: Ihr norddeutsch-protestantischer Regisseur Peymann sieht das sicher anders.

Turrini: Vielleicht sieht er ihn philosophischer, bedeutungsvoller, die Welt erschaffend und an ihr zerbrechend. Aber ich habe ja auch einen Gott gehabt, der immer durch die Oberlichte bei unserem alten Klo hereinschaute und mir beim Onanieren zusah.

SPIEGEL: Fürchten Sie, daß Gott Ihnen am Ende Ihres Lebens das alles vorhalten könnte?

Turrini: Ich hoffe, daß ich ihn dann auslachen kann. Das wäre ein sehr gelungener Moment meines Lebens.

SPIEGEL: Keine Angst vor diesem Frevel?

Turrini: Ich glaube, daß man im Dichterleben nur ein paar gute Zeilen zusammenbringt, und der Stoff, aus dem die gemacht sind, ist der reine Frevel.

SPIEGEL: Herr Turrini, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Erschienen im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", 1.5.1995

Der Orginaltext als PDF hier zum Anklicken.