Sichtweisen: Freunde

Parteien abschaffen?!

HPM in Aktion

Jetzt neu - der HPMartin-Atomticker

Wenn schon Anschluss . . .

 

. . . dann bitte richtig: Grenzübergreifende Fußball-Ligen brächten volle Stadien und tolle Spiele. Ketzerische, aber ernste Gedanken zur Fußballmisere vor dem Spiel Österreich - Deutschland. Von H.P. Martin

Damals, seinerzeit, früher, als alles noch viel besser war: Erinnern Sie sich noch ans vergangene Fußballjahrhundert? Nein, nicht an Krankls Córdoba 1978, vielmehr an Austria Salzburg vor gerade acht Jahren. Da verelfert Otto Konrad zunächst die Frankfurter Eintracht mit ihrem Trainer Klaus Toppmöller (sic!). Dann muss Oliver Kahn, damals noch im Karlsruher Tor, hinter sich greifen, Salzburg stürmt ins Finale des UEFA-Pokals. Kellner in Graz fragen österreichische Gäste, die in Hamburg leben: "Na, was sagen da jetzt die Deutschen?"

Die Antwort, dass "die Deutschen" dies gar nicht wahrnehmen, allenfalls ein paar Vereinsfans an Main und Rhein, hinterließ unvergesslich staunenden Unglauben. Denn an der Donau füllten die Salzburger das Wiener Praterstadion, und ganz Fußball-Österreich war "Austria".

Voller Spiellust drückte sich Max.mobil wenig später als Sponsor in den Namenszug der heimischen Bundesliga, doch die Derbys mit den Deutschen gingen wieder verloren. Und zu Beginn eines neuen Jahrtausends muss König Fußball in Österreich eine ähnlich vernichtende Bilanz ziehen wie die Habsburger Monarchen zu Ende der Gründerzeit. Während es allüberall boomte und der Balkan aufbegehrte (Sarajewo 1914, Kroatien gegen Deutschland bei der WM 1998), verfiel die Alpenrepublik. Nur in wenigen Ländern wurde das Spiel mit dem immer leichteren und schnelleren Ball immer schlechter. Für Österreich besteht Negativrekord-Verdacht.

Grün-weißes Trauma
Als Bregenzer "Seebrünzler", der seine Kinderseele Schwarz-Weiß verschrieben hatte, könnte mich der diesjährige Meisterschafts-Endplatz vor den Wiener Grün-Weißen vom Trauma der stets dominanten Innerösterreicher befreien. Doch wer heutzutage noch einen Sieg über diesen Lothar Matthäus feiert, leidet unter Realitätsschwindsucht. So ist auch vor jeder Euphorie zu warnen, wenn Hans Krankls Truppe gegen diese heutigen Deutschen im Stadion des ewigen, aber perfekten Zweiten einen Erfolg mitnähme.

Und trotzdem sind es die Deutschen, die Österreichs Grottenkickern soeben eine neue Welt eröffnen. T-Mobile kaufte Max.mobil und steigt so in die österreichische Bundes- liga ein. Ja, wenn damit schon wieder ein ökonomischer Anschluss vollzogen wird, dann bitte richtig. Der deutsche Großkonzern verspricht doch in seinen flächendeckend standardisierten Inseraten "echt internationale Mobilität", er plakatiert auf der Renovierungsruine der Wiener Urania "Große Gefühle - weltweit" und Steffi Graf (die Deutsche, Siegerin) lächelt neben Andre Agassi verblüffend gewinnbringend zum Slogan: "Was uns verbindet."

Genau, Verbindungen wollen wir auch. Deutsche Unternehmen sollten nicht nur rein nach Österreich, sondern österreichische Fußballklubs auch rein in die deutsche Fußballbundesliga. Berührungsängste haben jene am wenigsten, auf die es ankommt: die österreichischen Jugendlichen. Samstags schalten sie sich schon jetzt stimmungsfroh zuhauf zu "ran", nicht in die ORF-Sportsendung.

Keine Austro-Ikonen
Während ihre Elterngeneration mit der Nationalliga bangte und internationale Begegnungen im TV im Wortsinn flimmerten, steuert nunmehr die digital aufpolierte Champions League die Fantasie der Ballversessenen. Wie vor dreißig, vierzig Jahren werden an unzähligen Schulen Fußballbilder wie Ikonen getauscht, doch nicht Rafreider oder Fraydl, sondern die Stars des Weltfußballs. In der "Official Sticker Collection 2002" der Champions League finden sich 304 Klebeplätze für Spieler und Mannschaften aus 47 Fußballländern - von Angola bis Wales. Kein einziger Österreicher kickt mit - was für eine Bankrotterklärung.

Wen mag es da noch wundem, dass der FC Bayern an der Spitze seiner internationalen Fanclubs ausgerechnet "Die Wiener" listet? Keineswegs nur im fernen, distanzierten Hamburg verkauft der FCB mehr eigene T-Shirts als die dort ansässigen Vereine zusammengenommen. 23 der 1800 der Bayern-Fanclubs finden sich zwischen Lochau am Boden- und Krumpendorf am Wörthersee, zu Heimspielen nach München pilgern oft mehr Österreicher, als sich zu heimischen Liga-Spielen verirren.

Im Bann von Real und Bayer, ManU und Borussia durchleiden andere einst hervorstechende, aber kleine Ligen ein ähnliches Schicksal - in Belgien ebenso wie in den Niederlanden oder in Portugal. Vor zwei Jahren versperrte sich die UEFA noch der Idee einer "Atlantikliga" von Küstenklubs wie Ajax oder Benfica. Gegen einen Wechsel von Celtic und Glasgow Rangers nach England ab 2004 gibt es nunmehr keine Bedenken mehr.

Mitteleuropa-Liga
Selbstverständlich wäre es durch die dramatisch nachhaltigen Veränderungen im kontinentalen Fußballklima nach dem Bosman-Urteil (wonach es wegen des Rechtes auf freie Arbeitsplatzwahl für Fußballer nach Vertragsende keine Ablösesummen geben darf - Anm.) sinnvoller, Österreich würde mit Polen, Tschechien und Ungarn zur Mitteleuropa-Liga fusionieren. Rassige Spiele mit Sparta Prag würden da geboten, Dramatik vielleicht auch, doch volle Stadien brächte dies - zumindest vorläufig - leider nicht.

Alles, was wir so dringend auf dem Fußball-Speisezettel brauchen, bekommen wir nur bei den Deutschen, etwa Bayer und Bayern als Hauptmahlzeit im Happel-Stadion garantiert jedes Jahr, vielleicht sogar öfter. Für solche Leckerbissen bedarf es aber einer Qualifikationsrunde. Denn realistischerweise ist Österreichs Vereinsfußball zwischen Bayern und Berlin so einzustufen wie die beiden stolzen schottischen Mannschaften beim Sprengen ihrer Grenzen Richtung London: in die zweite Liga. In Deutschland spielen dort derzeit auch die Frankfurter Eintracht und der Karlsruher SC - wieder ein volles Haus für Salzburg - Tirol.

Auch bei allen möglichen Aufstiegen nach Matthäus muss sich der SK Rapid einen zweiten deutschen Meistertitel nach 1943 jedoch aus dem Kopf schlagen. Dazu wäre wohl nur ein Rapidsturm Austria in der Lage. Aber warum denn nicht?

Erschienen in der Tageszeitung "Der Standard", 18.5.2002