Fußball und Politik in Nahaufnahme - Aufzeichnungen vom WM-Finale mit Spitzenvertretern beider Genres und von der nächtlichen Feier des Deutschen Fußballbundes im Sheraton-Bay in Yokohama. Wer gewinnt? Die Ehrlichkeit. Von H.P. Martin
Edmund Stoiber, der bayerische Ministerpräsident, ist die Nummer eins. Er trägt sie nicht, niemals auf dem Rasen in Yokohama und noch nicht im Berliner Kanzleramt, doch er ist schon da. Wie ein Vorzugsschüler, der sein Glänzen kaum erwarten kann und deshalb viel zu früh zur Maturaarbeit erscheint, steht er bereits 40 Minuten vor Anpfiff da, wohin ihn jede seiner Hirnzellen drängt: in der ersten Reihe Mitte der VIP-Tribüne, mitten in der Weltarena.
Wären die TV-Kameras auf ihn gerichtet, er hätte ein Milliardenpublikum. Doch nicht einmal ein einzelner Fotograf verstellt ihm den Blick, sein treues Münchner Knips-Gefolge fand für den Japan-Trip nicht rechtzeitig einen Sponsor. So sieht Stoiber nur Rot, das Bordeauxrot der meterdicken Sicherheitsbalustrade vor ihm, die seinesgleichen von jenen trennt, die 750 US-Dollar aus eigener Tasche und Leidenschaft bezahlt haben, um das global größtmögliche Theater zu erleben, Fußball eben, nicht Politik. Oder gar Fußball und Politik?
Oliver Kahn, der Torwart des FC Bayern, läuft als zweiter Deutscher von Rang ein. Der Titan der Bildmedien wirkt auch in diesen Augenblicken, wie ihn üblicherweise die Zuseher erleben, nach deren Aufmerksamkeit Stoiber streberhaft vergeblich giert. Im Spiel stützt Kahn die Hände gefährlich oft auf seine Knie, lange bleibt er in seiner Konzentration unbeachtet, denn seine Mannschaft, welche Überraschung, greift an.
Das will und muss auch Gerhard Schröder, der Kanzler aus Preußen, der in den Umfragen für die Wahl im Herbst hinter Stoiber liegt. Als letzter mächtiger Nichtbayer tritt er mit dem Kaiser auf, aber noch nicht mit Beckenbauer, sondern mit Japans Akihito. Stoiber tuschelt sichtlich entrüstet, denn sein erstreihiger VIP-Platz gerät jäh ins Abseits, als Kaiser und Kanzler sich in einer abgegrenzten Ehrenloge niederlassen. Nahe Stoiber bleibt nur Otto Schily, Innenminister und Aufpasser der Deutschen, eingeflogen im Regierungsjet mit zwanzig anderen Politikern, auf Rechnung der Steuerzahler.
Dumm gelaufen
"Jetzt reicht's aber", sagt Stoiber sichtlich gereizt zur Pause und meint nicht das Fußballmatch, sondern das Spiel mit ihm. Modelschöne, die sich auch gerne an prominente Kickerbeine schmiegen, bitten um ein gemeinsames Bild mit dem Kandidaten. Solche Kicks kann er doch in Passau erleben, jetzt ist allerdings gerade sein Rivale Kanzler staatsmännisch zum Umtrunk in die Lounge verschwunden und Deutschland noch immer nicht Weltmeister.
In der Prognose hatte sich Stoiber aber auf den Titel ohne Wenn und Aber festgelegt, auch für sich in der Politik. Für Kahn war es wenigstens nur ein "Gefühl", doch so etwas darf es in der Politik nicht geben, sagen die Politprofis. So porträtierte sich Stoiber auch als "der, der am meisten vom Fußball versteht" und meinte damit wieder seine politische Kompetenz. Doch anders als in der Politik, die sich in ihrer parteiübergreifenden Inhaltsleere inzwischen bedrohlich gleichförmig in den Fußball drängt, führt ein Fußballmatch schnell zu eindeutigen Ergebnissen.
Als darum in Yokohama das Undenkbare geschieht, als Kahn einen Fehler macht und Stoiber sich irrt, entlarven sich beide: Stoiber schrumpft und Kahn wächst.
In der Sekunde des Schlusspfiffs entledigt sich Stoiber seiner Deutschlandfahne, die er um den Hals hängen hatte. Schon zuvor trug er sie nicht selbstverständlich innig wie ein Fan seinen Schal, eher saß er da wie eine Dame der Gesellschaft, die mit ihrem Seidenschal auftrumpfen will. "Dumm gelaufen", murmelt er, "dumm, dumm, dumm." Doch ehe es noch dümmer kommt und ihre Weglegung besonders auffallen kann, drückt ihm ein Berater die Flagge wieder bestimmt um die Schultern.
Wie souverän agiert dagegen der Kanzler. Er hat Posen und Possen längst bis zur Perfektion einstudiert, kein Pennäler ist er beim WM-Finale, sondern der perfekteste Spieler der Deutschen. Nach dem Abpfiff gibt er das ausdrucksstarke Schweigen des Betroffenen, beim Bankett jammert er nicht, sondern spricht: "Auf diese Nationalmannschaft ist Deutschland stolz." Ihm gegenüber pafft da schon Kaiser Franz an der Grözaz, der größten Zigarre aller Zeiten. Wie in Wiens Bussi-Bussi-Milieu tuscheln Kaiser und die bayerische Kanzlergattin. Stoiber, der Erste, ist da längst weg.
Schröder weist sein Ich den Weg. "Ich bin nicht enttäuscht", lässt er in einer Presseaussendung verbreiten. Als er nach Tänzchen und gespieltem Interesse an persönlichen Kickeranliegen um drei Uhr morgens zielsicher mit den letzten Journalisten die Sause verlässt, kehren die deutschen Fußballer zu sich zurück. "Widerlich" nennt Münchens Torwartlegende und Kahn-Trainer Sepp Maier "das Heranschmeißen dieser beiden Typen". Keiner sei in die Kabine gekommen, alles war nur "billige Anbiederei". Ja, verschmelzen die zwei nicht zu Schröber und Stoider?
Oliver Kahn steht daneben, nimmt alles wahr, auch wenn er nichts hört. In seinem Kopf brüllt es, nur ein einziger Gedanke hat auch viele Stunden nach dem Jahrhundertfinale darin Platz: sein entscheidender Fehler beim 0:1. Wieder und wieder treibt er ihn ins Gespräch, relativiert ihn nie, doch analysiert ihn ohne Unterlass. Er hat das Spiel durchlebt als Teilnehmer, aber auch wie ein beobachtender Experte. Es scheint, als hätte er mehr als irgendwer sonst gesehen und begriffen, Ball inklusive.
Falsch gesehen
Ganz anders als vor Fernsehkameras und im Stadion wirkt sein Gesicht schmal, seine Gedanken zeugen von Sensibilität. Kein Trost erreicht ihn, jedes Lächeln wäre für ihn nur eine verlogene Fratze. Kahn ist das, was Politiker sein sollten: höchst professionell, kompetent, reflexionsfähig und vor allem glaubwürdig und ehrlich. Eigene Fehler beschönigt er nicht. Die von vielen empfundene Arroganz, es wird so deutlich, ist ihm nur Schutzpanzer. Der "Übermensch Kahn" (Kurier) ist eine Medienerfindung, welche ihm die Erfinder dann infamerweise zum Vorwurf machen, wenn er ihr nicht entspricht.
Könnte die Öffentlichkeit Kahn je so unverstellt erleben, wie er sich in dieser Nacht zeigt, er wäre den Menschen ein sympathischer Mensch, ein moderner Held, der ernsthaft weiß, wovon er spricht, auch noch um sieben Uhr morgens nach so manchem Bier. "Wann wirst du Bundeskanzler?", fragt einer, der noch ganz nüchtern ist.
Erschienen in der Tageszeitung "Der Standard", 3.7.2002