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"Politikstil der Zukunft"

 

US-Außenstaatssekretär Timothy Wirth über den wachsenden Einfluß von Nichtregierungsorganisationen - im SPIEGEL-Gespräch mit H.P. Martin

special: Auf internationalen Konferenzen, bei denen Sie die USA vertreten, entsteht der Eindruck, daß amerikanische Außenpolitiker andere Konzeptionen als einst verfolgen. Was hat sich geändert?

Wirth: Die Maxime "Global denken, lokal handeln" wird zusehends Wirklichkeit. Wir sehen, wie internationale Institutionen und Beschlüsse immer wichtiger werden. Allmählich wächst das Gefühl, daß sich die Völker statt auf rein nationaler Ebene auch durch neue internationale Institutionen regieren können.

Das außenpolitische Establishment beginnt, in anderen Dimensionen zu denken als in denen von militärischer und ökonomischer Macht, von Gewehrkugeln und Dollars. Jetzt kommen die globalen Probleme hinzu - also weltweite Menschenrechts- und Flüchtlingsprogramme oder auch das Eindämmen von Korruption und Umweltkatastrophen. Diese Globalität verändert unser Denken.

special: Welche Rolle spielen Bürger und Bürgerinitiativen in Ihren Globalkonzepten?

Wirth: Der wachsende Einfluß von Basisinitiativen ist neben der Internationalisierung die zweite Herausforderung für das bisherige Konzept von Politik. Es gibt einen enormen Druck zur Dezentralisierung von Politik. Er entsteht allein schon durch die neuen Kommunikationsmöglichkeiten. Fax und Internet werden mehr und mehr zu alltäglichen Selbstverständlichkeiten. Jeder kann auf der ganzen Welt blitzschnell mit jedem sprechen, ohne auf Regierungskanäle oder Diplomaten angewiesen zu sein.

special: Diese Möglichkeiten helfen vor allem den internationalen Nichtregierungsorganisationen.

Wirth: Und wie. Immer mehr Leute beschäftigen sich in ihrem unmittelbaren Umfeld mit globalen Fragen und werden auf lokaler Basis aktiv. Diese Graswurzel-Bewegungen sind der Politikstil der Zukunft.

Wir haben daher zum Beispiel unsere Delegation für die jüngste Weltbevölkerungskonferenz, in der zahlreiche Mitglieder von Nichtregierungsorganisationen vertreten waren, von unten nach oben aufgebaut. Statt mich nur mit anderen Regierungsbürokraten zu beschäftigen, habe ich zwei Tage lang allen Gruppen zugehört, die glaubten, etwas zu sagen zu haben. Danach haben wir zwölf Hearings im ganzen Land veranstaltet. So fanden wir heraus, wer wirklich gut war. Das ist zwar viel mühsamer, doch am Ende auch viel erfolgreicher.

special: Der offene Kontakt mit dem Bürger ist auch das Erfolgsgeheimnis vieler Nichtregierungsorganisationen.

Wirth: Manche Leute glauben, diese Gruppen seien eine Marotte und Liebhaberei der Uno. Doch es gibt sie jetzt in allen Ländern. Überall muß sich daher die Politik dezentralisieren.

Erschienen im Nachrichtenmagazin "Spiegel Spezial", 1.11.1995

Der Orginaltext als PDF hier zum Anklicken.