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P. M. Lingens im „Profil“: „Was wird aus HPM?“

 

Der österreichische Publizist Peter Michael Lingens und langjährige Herausgeber des Nachrichtenmagazins „Profil“ hat sich intensiv mit H.P. Martin auseinandergesetzt.
 
Auszüge:
 
Hans-Peter Martin ist zweifellos ein Gegner „dieser EU“. Allerdings – und das macht es doch um einiges komplexer – ist er ein überzeugter Anhänger der europäischen Einigung und träumt von einer EU mit ungleich stärkeren Kompetenzen in zentralen Bereichen. Das unterscheidet ihn diametral von H. C. Strache, dem die EU gar nicht schwach genug sein kann, und verbindet ihn mit mir.
HPMs und mein Ideal eines geeinten Europa sind durchaus ähnlich, sodass ich mich nicht wirklich für seine Wahl geniere. Zumal ich seine Kritik an der Selbstbedienungsmentalität abgehobener EU-Funktionäre für unverzichtbar halte. Seine Wähler dürften ihn freilich fast nur in dieser Rolle schätzen. Hätten sie ihr Kreuz nicht bei ihm, so hätten sie es wohl bei der FPÖ gemacht. So ist deren Erfolg weit unter den Erwartungen geblieben, was man wohl als „Kollateralnutzen“ verbuchen kann.
 
Was mich so entschieden von Martin trennt, ist sein voreiliges Credo, dass „diese EU“ nicht mehr zu retten ist. So gesteht er mir zwar zu, dass der Vertrag von Lissabon eine Reihe von Fortschritten mit sich brächte, meint aber dennoch, dass es falsch wäre, die EU-Verfassung mit ihm zu flicken, statt sie auf völlig neue Beine zu stellen. Das erinnert mich ein wenig an Karl Marx, der die Gewerkschaften ablehnte, weil ihre Erfolge die Risse im kapitalistischen System verkitten und so dessen Untergang hinauszögern könnten.
 
Ob es aus diesem Grunde wirklich ein Fehler war, HPM zu wählen, wird für mich von seiner Reaktion auf den Erfolg abhängen. Er ist, wie einst Alfred Worm, ein „Aufdecker“ und Kritiker aus Leidenschaft, und es braucht solche Leute. Aber sie laufen Gefahr, dass diese Leidenschaft sich selbstständig macht und sie vergessen lässt, zu welchem Zweck sie kritisieren. Dann kann sehr leicht persönliche Eitel­keit zum Endzweck werden. Der Standort des einsamen Wolfs wird zum Podest, auf dem man sich einzementiert. Ich gebe mich der vielleicht trügerischen Hoffnung hin, dass HPM diese Gefahr erkennt und „offen“ bleibt. Schließlich wird es im neuen EU-Parlament verwandte Seelen geben, mit denen er sich zusammentun und so an Einfluss ­gewinnen kann.
 
Diesen Einfluss kann er verantwortungsvoll oder verantwortungslos gebrauchen. Verantwortungslos wäre für mich: die bestehende EU kaputtzukritisieren, ohne dass es eine realistische Alternative gibt. Verantwortungsvoll wäre: zu prüfen, ob unter den sich ändernden Bedingungen nicht sehr wohl eine ernsthafte Chance zur Reform „dieser EU“ besteht.
 
Erschienen im österreichischen Nachrichtenmagazin „Profil“, 15.6.2009