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"Drei Löffel Kunst"

 

Die Wiener Video-Produzenten Rudolf Dolezal und Hannes Rossacher im SPIEGEL-Gespräch mit H.P. Martin über Rock'n'Roll, Ästhetik und Werbung.

SPIEGEL: Wie schafften es zwei Bürgerkinder aus dem popfernen Wien, im schnellen Geschäft der Videoclips international Fuß zu fassen?

Dolezal: Es war eine Mischung aus Naivität, Überheblichkeit, Unverfrorenheit und Chuzpe. Wir waren vom Herzen her immer Rock'n'Roller ohne Gitarren, unser Instrument wurde die Kamera.

SPIEGEL: Die Größen der Popmusik haben nicht auf Sie gewartet.

Rossacher: Aber wir auf sie. Unser Trick war, daß wir uns bei den örtlichen Konzertveranstaltern die Ankunftszeiten der Stars besorgten und dann einfach zum Flughafen fuhren. Wenn dann Frank Zappa, Tom Waits, Patti Smith oder Joe Cocker die Gangway herunterkamen, rannten wir mit laufender Kamera dahin und haben die genötigt, mit uns etwas zu machen.

SPIEGEL: Frank Zappa hat Sie 1978 verprügelt.

Dolezal: Dieser Typ, unser Underground-Idol, das den American Way of Life so herrlich kritisiert hat, stieg in einen riesigen Cadillac, fuhr ins Wiener Hilton-Hotel und mietete sich die Präsidentensuite.Unser Held war zerstört, und wir versuchten, ihm kritische Fragen zu stellen. Daraus resultierte ein kleiner Episodenfilm, weil Zappa meine Wenigkeit von einem Bodyguard mit einer Bratpfanne versohlen ließ. Er meinte, wer so dumme Fragen stellt, muß sofort bestraft werden.

SPIEGEL: Waren Sie so clever zu begreifen, welche Chance sich damit eröffnete?

Dolezal: Es war schon etwas Besonderes, wer wird denn schon von Zappa versohlt? Es war lustig, wenn auch auf meine Kosten. Daraus ist eine lange Freundschaft und unser Rock'n'Roll-Film-Making entstanden.

SPIEGEL: In der Branche werden Sie "Torpedo Twins" genannt, Sie arbeiten seit zwei Jahrzehnten oft Tag und Nacht zusammen. Kaum eine andere Partnerschaft hält so lange. Hätten Sie ein paar Tips für Eheleute in der Krise?

Dolezal: Entscheidend ist, wir führen eine Ehe ohne Geschlechtsverkehr. Und sie wäre zu Ende, wenn wir den Respekt voreinander verlören. Der Rossacher ist das Phlegma, das mich seit 20 Jahren aushält. Wenn wir versuchten, all das auszudiskutieren, was uns aneinander stört, müßten wir uns auch heute noch den ganzen Tag prügeln. Da helfen nur Schmäh und Sarkasmus.

SPIEGEL: Warum sind Sie nicht längst nach London oder Los Angeles übersiedelt?
Rossacher: Immer, wenn wir in Los Angeles waren, sind wir mit unseren Sachen zur besten Firma der Stadt gegangen, zu einem Laden namens Propaganda, und haben geschaut, ob sie uns nehmen. Wenn sie gesagt haben, ja, sie nehmen uns, dann sind wir heimgefahren und haben gesagt, mehr brauchen wir nicht.

SPIEGEL: Hatten Sie Angst?

Rossacher: Wir sind halt leidenschaftliche Wiener. Und wenn man heute zurückschaut, dann war''s ja auch richtig so. Es war viel spannender, was hier passiert ist: daß wir etwa bei der Entstehung des Musiksenders Viva mitwirkten, statt in Amerika möglichst schnell abzukassieren. Dort werden solche wie wir bestenfalls die fünften Epigonen von irgend etwas, das möglichst amerikanisch ausschaut, und wir wären im Endeffekt überhaupt nimmer aufgefallen.

SPIEGEL: An die erste Liga der Stars, an Leute wie Queen, die Stones oder Michael Jackson, sind Sie so nah herangekommen wie sonst kaum jemand.

Dolezal: Die Zusammenarbeit mit Queen wurde eine äußerst kreative - obwohl sie am Anfang sehr mißtrauisch waren. Die ließen uns ein bißchen was filmen und dann ganz viel wieder nicht. Aber sie waren schon sehr überrascht, was wir daraus gezaubert haben. Danach waren wir überall: beim Einsingen in der Garderobe, wo Freddie Mercury in der Unterhose rumstand, noch bevor er die Grundschminke drauf hatte.

SPIEGEL: Sie gehörten zum Hofstaat?

Dolezal: Ist doch völlig egal. Tatsache ist: Wenn du dein erstes Mick-Jagger-Interview machst, dann fragst du ihn, was du schon immer von ihm wissen wolltest. Beim zweiten Mal fragst du alles, was du beim ersten Mal vergessen hast. Und beim vierten Mal fällt dir nichts mehr ein, und du fragst ihn, wer denn jetzt Schlagzeug gespielt hat auf der neuen Single auf der B-Seite. Das interessiert aber dann absolut keinen mehr. Also versuchst du beim zehnten Mal, wenn du Mick Jagger triffst, Bilder zu filmen, die das ausdrücken, was er in seinem ersten Interview gesagt hat. Ein Wodka-Glas, das durch ein riesiges Hotel bis zum Gitarristen Keith Richards geschoben wird, verrät doch viel mehr über Magie der Rolling Stones, als wenn ein ganz Schlauer eine Frage über Sex and Drugs and Rock''n''Roll zum hundertvierzigsten Mal stellt.

SPIEGEL: Sie inszenieren Popmythen mit und stellen sie nicht in Frage?

Dolezal: Frank Zappa sagte einmal: "Rock'n'Roll is all make-believe." Mit anderen Worten: Rock'n'Roll ist Verführung, ist Geschichten erzählen, ist Fiktion. Am Ende ist alles künstlich. Darum ist es Wurscht, wer ein ehrliches Interview zusammenbringt, es zählt doch nur: Wer macht ein gutes Interview? Die ehrlichen Interviews sind meistens die langweiligsten.

SPIEGEL: Sie verstehen sich als PR-Agenten der Künstler.

Dolezal: Wir sind selbst Künstler. Manchmal bekommen wir ein Musikband und müssen in zwei Wochen einen Videoclip produzieren. Das ist Instant-Art: Das Band kommt rein, du gibst drei Löffel Kunst in die Tasse und gießt heißes Wasser drauf. Wer von uns journalistische Unabhängigkeit verlangt, ist genauso daneben, wie der, der einen Popgitarristen fragt, ob er "unabhängig" Gitarre spielt. Ich spiel' lieber wahnsinnig subjektiv Kamera.

SPIEGEL: Gibt es im Popgeschäft Leute, über die Sie sagen: mit denen nie wieder?

Rossacher: Sogar das globale Business ist ziemlich klein, und meistens streitet man sich nicht direkt mit dem Künstler, sondern mit irgendeinem persönlichen Assistenten oder einem, der fürs Streiten bezahlt wird. Du sagst zu dem: "Du bist der größte Arsch", und drei Jahre später machst du eine Tür auf, ganz woanders, auf einem anderen Kontinent und bei einer anderen Band, und wer kommt dir entgegen: genau der.

SPIEGEL: Noch mal: mit wem nie wieder?

Rossacher: Mit jedem jederzeit wieder.

SPIEGEL: Sie sagten einmal, 90 Prozent der Videoclips seien Müll. Woran erkennt man die?

Dolezal: Daran, daß Videomacher versuchen, sich auf Kosten der Band oder auf Kosten der Musik mit irgendwelchen pseudo-witzigen oder pseudo-originellen Ideen in den Vordergrund zu stellen. Ich finde es angenehm, wenn die Bilder nicht versuchen, den Song zu ersticken. Deswegen unser Motto: Gute Videos dürfen die Musik nicht stören.

SPIEGEL: Kann ein gutes Video einen schlechten Song zum Hit machen?

Rossacher: Völlig unmöglich. Auf der anderen Seite kann nicht einmal ein extrem schwaches Video einen Hit verhindern.

SPIEGEL: Ihre Firma bringt es auf einen Umsatz von 40 Millionen Mark pro Jahr...

Dolezal: ... na ja, aber wenn wir wirklich reich werden wollten, dann müßten wir in der Werbung arbeiten: Dort gibt es für weniger Arbeit mehr Geld. Aber ich tue mich eben schwer, wenn eine Packung Kodak-Film daliegt und vier Art-directors entscheiden, ob sie blau oder gelb angeleuchtet wird, ob man sie einen Millimeter nach links schiebt oder nicht. Da ist es mir lieber, "I Go Wild" von den Stones dröhnt den ganzen Tag durchs Studio, da fühl'' ich mich besser. Die Stones als Chefs, das ist einfach sexy.

SPIEGEL: Auf Werbung können Sie locker verzichten, weil in Deutschland mittlerweile vier Fernsehsender ausschließlich Popvideos zeigen.

Dolezal: Sollen wir uns dafür genieren? Es waren doch wir, die zum Beispiel die Vision für Viva hatten und dafür von aller Welt jahrelang ausgelacht wurden. Deutsche Künstler, die hier Millionen Schallplatten verkauften, sind doch mit ihren Videos bei MTV in London unterm Türstock durchgekrochen und bettelten: "Bitte, bitte spielt mich!"

SPIEGEL: Ihre Firma DoRo produziert nicht nur Videos, sie entscheidet auch darüber, was bei Viva gespielt wird. Deshalb beschweren sich einige in der Popbranche über die "DoRo-Mafia".

Dolezal: Mit dem Erfolg wächst der Neid. 1995 veröffentlichte der Viva-Konkurrent MTV eine Statistik über seine meistgespielten Videos. Raten Sie mal, wie die erfolgreichste kontinental-europäische Produktionsfirma hieß?

SPIEGEL: DoRo?

Rossacher: Genau, das Dumme ist nur: Bei MTV haben wir überhaupt keine Aktien.

SPIEGEL: Trotzdem heißt es, Sie hätten Ihre Leute in einer Viva-Kommission, die dann sagen, ihr müßt unsere Videos spielen.

Dolezal: Quatsch. Wir machen nur wahnsinnig gute Videos, und die müssen einfach ins Fernsehen. Gute Videos sind selten, aber eben oft von uns.

SPIEGEL: Den Comet, den Preis, den Viva für das beste Video des Jahres verleiht, mußten Sie auch haben, weil Sie so wahnsinnig gut sind?

Dolezal: Bevor es Viva überhaupt gab, haben wir drei Jahre lang hintereinander den Deutschen Schallplattenpreis gewonnen. Die Preisträger wurden von der Phono-Akademie gewählt, einem unabhängigen Gremium.

SPIEGEL: Den Comet schenkten Sie sich aber selbst.

Rossacher: Von Viva gehört uns gerade ein Prozent. Das ausgezeichnete H-Blockx-Video hat noch jede Menge anderer Preise gewonnen und den Comet verdient. Es ist ein Clip, für den man sich nicht schämen muß.

SPIEGEL: Sie haben eine Firma aufgebaut, einen Sender initiiert und sind für sechs Video-"Oscars" nominiert. Gibt es noch Herausforderungen?

Rossacher: Bei Helmut Qualtinger hieß es: I waß zwar ned, wo i hinwül, dafür bin i aba schneller durt. Wir möchten gerne ins Kinogeschäft. Heute schon sind wir mit unserem Department M eine Kreativzelle mit rund 20 Leuten. Die jungen Regisseure, die bei uns arbeiten, werden schon nach kurzer Zeit nach Hamburg und Frankfurt geholt, wo sie für viel Geld Werbung mit einer anderen, neuen Bildsprache inszenieren. Bald werden diese Leute Kinofilme drehen. Dann ist Schluß mit dieser Neuauflage des Komödienstadl, die wir derzeit erleben. Warum sollen die Tarantinos dieser Welt nur in Amerika existieren können?

Dolezal: Es gibt ihn noch, den Rock'n'Roll, aber es ist langweiliger geworden. Es fehlen Typen wie Freddie Mercury, der mit seinem Hofstaat ganze Hotels in Besitz nahm und dort rauschende Feste feierte. Oder Jefferson Airplane, die einfach ihr Auto im Pool versenkten.

Rossacher: Es ist alles organisiert heute, jeder hat seine Zimmernummer.

SPIEGEL: Früher waren die bösen Buben die großen Legenden.

Rossacher: Heute ist das Geschäft so dicht geworden. Kaum läßt du eine Lücke, schließt die irgendwer anderer. New Kids on the Block, halbes Jahr Pause, schon gibt''s die nächste Band, hinter der die Lemminge herlaufen.

SPIEGEL: An diesem rasant schnellen Wechsel sind Sie nicht unschuldig. Ihr Motto hieß immer "Tempo, Tempo, Tempo", auch wenn es am Ende nur um beschleunigte Bildfolgen ging.

Rossacher: Bitte schön. Was ist denn schlecht daran? Stellen Sie sich vor, es wäre noch immer so wie im Jahr 1950. Es werden ja heutzutage alte Nachrichtensendungen wiederholt. Die hält man doch nur noch auf LSD aus.

SPIEGEL: Sie sind überzeugte Wiener, bedauern Sie die Disney-Kolonialisierung der globalen Kultur denn gar nicht?

Dolezal: Ich kann damit leben.

Rossacher: Dieser Trend ist doch schon gekippt. Zum Beispiel beim deutschen Film: Der war noch vor kurzem bei acht Prozent Marktanteil, jetzt liegt er bei 30 Prozent. Das deutsche Fernsehen will unbedingt mehr Eigenproduktionen, weil die amerikanischen Serien reihenweise floppten. Viva ahmt Amerikanisches nach, verwurschtet es mit Deutschem, und heraus kommt etwas Neues. So entstehen Teilidentitäten von Menschen, die heute 15 oder 18 Jahre alt sind und in Mitteleuropa aufwachsen.

SPIEGEL: Obwohl Sie einmal ein in Wien weltberühmter linksradikaler Bundesschulsprecher waren - und heute nur noch der Handlanger von Coca-Cola sind.

Rossacher: Ich dachte schon, von Kokain.

SPIEGEL: Seinerzeit verkündeten Sie: Auf den Marxismus, da lass' ich nichts kommen.

Dolezal: Stimmt immer noch. Am besten finde ich die Plakate in England, auf denen steht: "Karl Marx, sorry, it was just an idea ..."

SPIEGEL: Herr Dolezal, Herr Rossacher, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Erschienen im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", 2.9.1996

Der Orginaltext als PDF hier zum Anklicken.