Im EU-Parlament fiel mir dann besonders eine junge Österreicherin auf, die SPÖ-Abgeordnete Karin Scheele aus Niederösterreich. „Was ist die Linie?“, fragte sie bei den Sitzungen, noch ehe es um Inhalte ging. Sie meinte damit nicht ihre Figur, sondern die Parteilinie. „Die Linie“ wurde zu ihrem Spitzname, inzwischen ist sie Delegationsleiterin aller SPÖ-EU-Abgeordneten. Wer sich aber nicht verbiegen lässt, macht keine Karriere. So kommt es zur negativen Personalauswahl. Opportunisten und Aussitzer steigen auf, vielfach deformierte Menschen. Vor allem kluge, selbstbewusste Frauen sind da nicht so dumm, in die Politik zu gehen. Die sinnlosen Marathonsitzungen nerven, in denen ohnehin schon alle Teilnehmer die Entscheidungen kennen, viele aber das bereits Gesagte wiederholen, damit er/sie im Nachhinein behaupten kann, auch selbst „mitgewirkt“ zu haben. Hinzu kommt, dass ein Abgeordnetenmandat vor allem für Rote und Grüne einen sozialen und finanziellen Aufstieg bedeutet. Wer aber seinem Gewissen folgt und jetzt etwa für eine Volksabstimmung eintreten würde, riskiert seine Privilegien. Er würde von den Parteigremien kaum noch auf eine wählbare Stelle platziert. Doch dies ist entscheidend, denn die Bürger entscheiden bei Wahlen in Wirklichkeit nur über wenige „Kampfmandate“. So ist blinder Parteigehorsam für fast alle Abgeordnete viel wichtiger als das Bemühen, für die Wähler attraktiv zu sein. Das pervertiert die Demokratie.