Man darf unser Europa nicht den billigen Abzockern und verhärmten Zynikern überlassen, schon gar nicht den Menschenverächtern. Dazu ist es viel zu kostbar, pathetisch formuliert: Es ist auf Gräbern von Millionen Menschen entstanden, und eine europäische Gemeinschaft bildet den inneren Schutz unseres Kontinents vor neuem Völkerkrieg.
Doch schon die Europa, die legendenreiche Sagengestalt auf dem Rücken des Göttervaters Zeus, der sich ihretwegen in einen Stier verwandelte, ließ sich nicht vergewaltigen.
Bereits im Revolutionsjahr 1848 beschworen Intellektuelle und Künstler nicht nur die nationalstaatliche Einheit. Ein Anwalt aus Rouen sprach 1847 als Erster nachweisbar von den "Vereinigten Staaten von Europa", von denen bald später auch Victor Hugo schwärmte. Straßburger Visionäre setzten die sogenannte Vereinigung der Völker sogar ins Bild. In einer üppigen, kolorierten Lithographie finden sich linker Hand Ungarn, Deutsche und Italiener, auf der rechten Seite Schweizer, Polen und Franzosen. Ihre Waffen haben sie vor sich abgelegt, ihre Fahnen bündeln sie darüber wie einen machtvollen Blumenstrauß.Die ungewohnten Brüder werden flankiert von den weiblichen Statuen der Freiheit und der Gleichheit.
Am 9. Mai 1950 sprach Robert Schumann, damals Frankreichs Außenminister, jene berühmten Sätze, wonach "sich Europa nicht mit einem Schlag herstellen lässt und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung. Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen."
Das war zunächst die Monatunion, der die Europäische Wirtschaftsunion und ab 1992 die EG folgten, die Europäische Gemeinschaft, die schließlich in der EU aufging. Jean Monnet, der im Urteil "für die Minderheit jener, die am Pulsschlag der Ereignisse teilhatten, eine der großen Gestalten des 20. Jahrhunderts" (Francois Duchêne) war, erfand eine neue Methode, um im heranwachsenden Europa zu gemeinschaftlichen Entscheidungen zu kommen. Dabei war sein Grundgedanke: "Wir koalieren nicht Staaten, wir führen Menschen zusammen."
Allerdings warnte der Italiener Alcide de Gasperi, einer der Gründungsväter der Europäischen Gemeinschaft, bereits 1951 mit Weitblick: "Wenn wir gemeinsame Verwaltungen ohne einen übergeordneten politischen Willen schaffen, dann laufen wir Gefahr, daß diese europäischen Aktivitäten farblos und bar jeglicher Ideale erscheinen und sie zum einem bestimmten Zeitpunktals überflüssige und lästige Superstruktur empfunden werden, wie etwa das Heilige Römische Reich in Zeiten seines Verfalls."
Jetzt steht es tief dunkelgrau für Europa. Denn die große Krise der Demokratie erfasst auch die Nationalstaaten. Selbst wenn sie zu den historisch Großen auf dem Kontinent zählen, leisten ihre jeweiligen politischen Eliten nicht mehr, was aufgeklärte Bürger trotz einengender Globalisierung bereits nicht mehr erwarten können. Rühmliche Ausnahmen fallen leider nicht ausreichend ins Gewicht.
Und dieser Vergleich drängt sich auf, das Brüssel von heute ähnelt dem Rom am Umbruch zur Neuzeit: Verdeckte Einflüsterer dominieren Entscheidungsprozesse, Parteichefs spielen die Rollen von Erzbischöfen und Kurfürsten, via jährlich 140 Subventionsmilliarden blüht der Ablasshandel.
Diese Elite revoltiert gegen ihre historische Verantwortung und ihre Verpflichtung. Sie missbraucht Europa. Die Enttarnung der Revolteure ist da ein Schritt zur Rückgewinnung politischer Hygiene - ein Schritt der Notwehr gegen schmutzige Politik. Und ohne Elitenwechsel wird der unverzichtbare Kurswechsel nicht gelingen. Dabei gilt: Europa ist nicht diese EU.
Auszug aus H.P. Martins Buch "Die Europafalle", Piper Verlag 2009, Seiten 58-60 und 65