Ausländische Investoren auf der Jagd nach den natürlichen Reichtümern Rußlands.Von H.P. Martin
Der Amerikaner genießt die Hölle, an diesem Morgen wenigstens. Schnell und rücksichtslos wie auf Deutschlands Autobahnen jagt er seinen Jeep über die sibirische Eispiste.
"Fuck it", preßt er zwischen den Zähnen hervor, als in einer abschüssigen Kurve unvermutet ein schwerer Moskwitsch-Lkw vor ihm auftaucht. Der Jeep schleudert, dann gibt der Fahrer Gas und überholt. Doch der Russe im Lkw hält mit, einen Augenblick wenigstens.
Der Mann im Jeep, ein stämmiger Texaner, gewinnt das Rennen auf der spiegelglatten, bis zum Horizont im Sonnenschein glitzernden Straße. Grinsend hebt er vor dem Rückspiegel zwei Finger zum V-Zeichen und summt vergnügt Freddie Mercurys "We are the champions of the world". Ausländer fühlen sich hier immer als Sieger.
30 Kilometer später treffen sich die beiden Pistenraser wieder, auf dem Bohrgelände 28 südwestlich von Raduschny, am Rand des Erdölmekkas von Tjumen in Westsibirien.
Unter den gefrorenen Böden dieses Gebiets lagern die zweitgrößten Öl- und Gasvorkommen der Erde - ein gigantisches Kuweit im Schnee.
Dennis Moshur, der Champion im dick wattierten blauen Overall, ist Erdölingenieur und seit sechs Monaten bei der nordamerikanischen Anglo-Suisse Corporation beschäftigt, dem neuen Gebieter in der "Oil City". So nennt der Texaner spöttisch das trostlose, 25 000 Einwohner zählende Raduschny, das vor zwei Jahrzehnten direkt auf ein Ölfeld gebaut wurde.
Ohne Dolmetscher und ohne Russischkenntnisse kommandiert und kontrolliert Moshur an verschiedenen Einsatzorten Hunderte einheimischer Fachkräfte, die mit meist gesenkten Köpfen seine Handbewegungen und seine Absichten zu verstehen suchen. In ihren armseligen, schmuddeligen Latzhosen wirken sie wie die geborenen Verlierer - und sie sind es auch.
"Wer die Hölle kennenlernen will, ist hier gut aufgehoben", sagt Jurij Saitschenko, einer der einheimischen Techniker. Der Frost (bis zu minus 50 Grad) hält sich von September bis Juni; im kurzen Sommer klettern die Temperaturen auf 30 Grad, und Milliarden Moskitos steigen aus den Sümpfen hoch: ein paradiesischer Standort für Zwangsarbeitslager.
Sowjetische Erschließungswut und viele Häftlinge haben eine Region von der Größe Frankreichs und Deutschlands zusammengenommen in eine ungeheuerliche Industriewüste verwandelt: Zehntausende von Bohrtürmen und Pumpen sind verwoben mit einem dichten Netz von Hochspannungsleitungen und lecken Pipelines, deren Trassen den Wald reißbrettartig durchschneiden und zu Naturresten verkümmern lassen.
Aufgeschüttete Dämme und Straßen veränderten die Ökosysteme weiter Landstriche; mal verdursten die Bäume, mal ertrinken sie. Neben Raffinerieanlagen verrosten quadratkilometergroße Maschinenparks. Der Schnee kaschiert nur notdürftig die ausgeschlachteten Wracks und den Bauschutt entlang der Waldschneisen. Die bizarren Gerippe ausgedienter Bohrtürme wirken wie Skelette von Dinosauriern des Industriezeitalters.
Über der Stadt Surgut mit ihren 270 000 Einwohnern liegt oft monatelang ein undurchdringlicher Nebel. Er steigt von den Kühlwasserseen der gewaltigen Wärmekraftwerke hoch und vermengt sich mit den Industrieabgasen zu einem atemraubenden Smog.
An vielen tausend Ölbohrlöchern wird das Erdgas einfach abgefackelt. Dröhnend und fauchend entweicht es den Schloten, so laut, als ob ohne Unterlaß Flugzeuge starteten.
"Mit jeder Fackel wäre ich in Europa Millionär", staunte ein Ölexperte des französischen Multis Total über die Verschwendung. Rußland aber mangelt es an Knowhow und vor allem an widerstandsfähigen Stahlrohren, um die kostbare Energie zu nutzen.
Bedenkenlos zünden Arbeiter auch Bohrlöcher an, wenn nach einer Havarie Öl in die Umgebung abfließt - ein umweltgerechtes Absaugen halten die Verantwortlichen für völlig überflüssig.
So wurde das Erdölfördergebiet Tjumen zur "hellsten Stadt der Welt", wie Boris Jelzins persönlicher Umweltberater Alexej Jablokow bei seiner jüngsten USA-Reise erfuhr.
Freunde schenkten ihm eine Karte der "Erde bei Nacht", angefertigt von der US-Raumfahrtbehörde Nasa, die Satellitenaufnahmen aller globalen Wärme- und Lichtquellen ausgewertet hatte. Obwohl in Westsibirien insgesamt nur knapp zwei Millionen Menschen leben, leuchtet die Region darauf so intensiv wie ganz Westeuropa.
"Wenn wir jetzt nicht viel Geld investieren", warnt Jablokow vor den riesigen Mengen an aufsteigenden Klimagasen, "wird die Welt bald tausendmal mehr ausgeben müssen."
Trügerische Hoffnung ruht auf den westlichen Firmen. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetreichs sollen sie in den Weiten Rußlands eine neue, ökologisch verträgliche Gründerzeit einläuten.
Sibirien sei wohl "die letzte große Öl-Frontier", urteilt Daniel Yergin, Autor des US-Bestsellers "Der Preis. Die Jagd nach Öl, Geld und Macht". Mindestens 60, vielleicht sogar weit über 250 Milliarden Barrel des schwarzen Goldes verbergen sich noch in den russischen Böden; die Vorräte übertreffen möglicherweise die Reserven Saudi-Arabiens.
Jahrzehntelang "hielten die Vorkommen von Tjumen den Panzerkreuzer Sowjetwirtschaft über Wasser", schrieb noch im letzten Juli Moskau News. Doch die Produktion sank in den vergangenen Jahren kontinuierlich. Für die inzwischen notwendigen Bohrungen in größeren Tiefen mangelte es den Russen sogar an tauglichen Kabeln und einsatzbereiten Pumpen.
Seit im vorigen Jahr ein Spitzenbeamter des Öl- und Gasministeriums potentiellen Auslandsinvestoren Einblick in die Ergebnisse bislang geheimgehaltener Probebohrungen gewährte, "stehen wir am Rande eines gewaltigen Booms", glaubt Georg Reese, ein westlicher Firmenberater in Moskau.
Statt Wilder Westen nunmehr Wilder Osten: Die Goldgräberstimmung treibt Glücksritter in Scharen ins Land. An die Spitze setzten sich die Männer der texanischen Anglo-Suisse. Mit finanzieller Unterstützung des US-Ölhandelsgiganten Phibro Energy gründeten sie zusammen mit Raduschnys Öl- und Gasmonopolisten Warjeganneftegas das Gemeinschaftsunternehmen "White Nights".
Etwa 50 amerikanische Rauhnacken wie Dennis Moshur sollten mit Hilfe aufwendigster Westtechnologie 1300 ortskundigen Russen beibringen, die Erträge von drei bereits erschlossenen Ölfeldern in kürzester Zeit zu vervielfachen und neue Quellen zu erschließen. Möglichem Widerstand durch die kleinen Volksstämme der Chanten und Nenzen, die im Fördergebiet von Jagd und Rentierzucht leben, begegneten die ums Image besorgten US-Investoren mit Präventivgeschenken.
Einer der Siedlungen stifteten sie zehn Snowmobils und einen Kindergarten, um von ihrer "Invasion" abzulenken, wie einer der Wortführer der ums Überleben kämpfenden Minderheit, der Nenze Petro Aiwaseda, sagt. Dennoch freut sich Aiwaseda ehrlich, "weil wir von den Russen außer Armut nie etwas bekommen haben".
Als im vorigen Oktober der erste, in Containern verpackte US-Bohrturm eintraf, hißte White Nights, den Erfolg bereits vor Augen, die Flaggen von Texas, den USA und Rußland. Die Manager erwarteten Millionengewinne schon in diesem Jahr.
Inzwischen ist die Begeisterung bei den Joint-venture-Pionieren verflogen. "Wir haben die Schwierigkeiten, aber auch das Können der russischen Experten sträflich unterschätzt", bekennt kleinlaut der neubestellte Unternehmenschef, Don Joiner. Neue Steuerbestimmungen (die allerdings schon bald wieder geändert werden sollen) ließen die Kosten explodieren, die geförderte Ölmenge stieg trotz Westtechnologie nur bescheiden an.
Verblüfft mußten die ausländischen Profis feststellen, daß die an Improvisation gewöhnten einheimischen Techniker die vorhandenen Vorräte auch früher schon gut genutzt hatten.
Statt "auf die sprichwörtliche Schlamperei trafen wir hier auf engagierte Leute, denen oft nur Ersatzteile fehlen", berichtet einer der US-Spezialisten.
Die Amerikaner hingegen beeindruckten die Russen mit "beleidigend schlechten Manieren und Arroganz", empört sich Boris Anissimow, einer der führenden russischen Finanzexperten des Jointventures. "Die können nur besser Auto fahren als wir."
Zwar zahlt White Nights höhere Löhne als ortsansässige Unternehmen, doch die bittere Erfahrung der Dollar-Apartheid drückt die Stimmung unter den sibirischen Arbeitern und Technikern. Alle sechs Wochen dürfen die Amerikaner auf Firmenkosten in die sonnige Heimat fliegen, jede Woche liefert ein portugiesisches Catering-Unternehmen frisches Obst und Gemüse für die luxuriös ausgestattete Sonderkantine, die nur wenigen Russen offensteht.
Daß sich die reichen US-Partner inzwischen auch noch mit der altbekannten Nomenklatura Raduschnys verbrüderten, hält Anissimow für "pervers und beschämend. Dafür haben wir doch nicht die Ausländer ins Land gelassen".
Die eigenen zwei Dutzend "Erdölkönige", wie die Bevölkerung die Generaldirektoren der jeweiligen westsibirischen "PO-Neftegas" (Produktionsvereinigung Erdöl-Erdgas) spöttisch nennt, überstanden alle politischen Wirrnisse fast unbeschadet. In Neftejugansk etwa, einer Betonplattenstadt im Ölrevier, regiert Sergej Murowlenko unangefochten "wie ein Großgrundbesitzer, auf dessen Ländereien 45 000 Menschen beschäftigt sind", sagt Wladimir Gontscharenko, Leiter des staatlichen Technologie-Instituts in der Nachbarstadt Surgut.
Schmunzelnd deuten Murowlenkos Mitarbeiter auf ein raumfüllendes Ölgemälde im Vorzimmer des Generaldirektors. Ein jugendlich wirkender Leonid Breschnew öffnet da fröhlich das Ventil einer neuen Pipeline, umgeben von zahlreichen älteren Menschen. In der Bildmitte posiert, aufrecht und wie von einem Heiligenschein umgeben, Murowlenkos Vater, der die Erdöldynastie vor zwei Jahrzehnten begründete.
Ölfelder tragen den Namen der Familie, argwöhnisch überwacht der Generaldirektor Geschäftsabschlüsse und Auslandskontakte. Gesprächstermine mit Vertretern der angeblich kommerziell erfolgreichen Joint-venture-Unternehmen Juganskfrakmaster (kanadischer Partner Frakmaster; Ölbohrungen und Export) und Juganskdrew (deutscher Partner Grecon; Holzverarbeitung) bedürfen seiner persönlichen Zustimmung.
Dennoch wurden nirgendwo sonst in der Region mehr Gemeinschaftsunternehmen amtlich registriert als in Neftejugansk. Die Beamten des Murowlenko-Imperiums geben sich bereits zufrieden, wenn die Antragsteller einen ausländischen Firmennamen nennen, nicht einmal dessen Adresse ist erforderlich.
"Wer zu einer Auslandsreise eingeladen wird", erklärt Gontscharenko die Nachlässigkeit der Behörden, "kann unterwegs mehr Qualitätswaren einkaufen, als er hier in einem Jahr finden könnte." Er selbst bittet mögliche Auslandspartner in ein komfortables Ferienhaus seines Instituts, in dem sich 1985 schon Michail Gorbatschow bei seiner ersten Dienstreise als Generalsekretär erholte. Mit der französischen Delegation des Total-Konzerns ging der Technologie-Experte per Helikopter sogar auf Auerhahn- und Bärenjagd. Dafür durfte er vor wenigen Wochen Paris besuchen.
1168 Joint-venture-Unternehmen arbeiten inzwischen in der Russischen Föderation, doppelt so viele wie vor eineinhalb Jahren. In Kürze sollen auch Firmen, die ausschließlich Ausländern gehören, in großem Umfang einsteigen dürfen.
"Die Eroberung hat ernsthaft begonnen", triumphiert der Texaner Bobby Taylor, dessen Handelsfirma BET sich bereits vor 23 Jahren in der Sowjetunion etablierte.
"Wer Partnerschaften mit neuen nichtstaatlichen russischen Firmen eingeht", lockt der Ölmagnat Walerij Newerow, Chef des neuen Hermes-Konzerns, den das russische Fernsehen im Februar zum "Geschäftsmann des Jahres" kürte, "kann schnell Erfolge erzielen, die anderswo nicht möglich wären."
Im Londoner Firmensitz der weltweit tätigen Rohstoff-Brokerfirma Marc Rich, die unter Konkurrenten als besonders wendig und aggressiv gilt, diskutieren leitende Angestellte, "ob nicht viele Filialen geschlossen werden müßten, um alle Energien auf Rußland zu konzentrieren". Ein erstes Joint-venture-Projekt soll im Sommer in Raduschny anlaufen.
Die ganz Großen der Branche handeln nicht so schnell, dafür planen sie in um so stattlicheren Dimensionen. 36 multinationale Ölkonzerne eröffneten bereits Niederlassungen in Moskau, British Petroleum ist seit wenigen Wochen mit Außenbüros in Irkutsk und Tjumen vertreten.
Mitte April mußten deutsche Interessenten aus Niedersachsen bei einem Besuch in Westsibirien erfahren, daß sich schon "mehr als genug Anwärter für die Erdöllagerstätten im hohen Norden und am Ob gefunden" hätten. Röhrenlieferant Mannesmann ortete längst "Wildostmentalität", will aber "versuchen, auf den fahrenden Zug zu springen", sagt Mannesmann-Vertreter Christoph Massner in Moskau.
Frankreichs Elf-Aquitaine-Konzern sicherte sich die Bohrrechte auf 20 000 Quadratkilometer Land zwischen Saratow und Wolgograd. Angekündigte Investitionssumme: eine Milliarde Dollar. US-Multi Chevron erwartet einen baldigen Vertragsabschluß mit Rußlands neuem Nachbarstaat Kasachstan, um wie Elf-Aquitaine einen Abschnitt der Tengisfelder erschließen zu dürfen, eines der größten noch unberührten Erdölvorkommen der Welt.
Nach aufreibendem Tauziehen erteilte Rußlands Regierung Ende Januar einem amerikanisch-japanischen Firmenkonsortium den Auftrag, die unschätzbar wertvollen Ölfelder um die Fernost-Insel Sachalin genau zu erforschen. Die Insel ist legendärer Teil jenes "gebrochenen Sibirien", wo einst "der Zug der Revolution immer schneller über die Knochen der Menschen hinwegbrauste", notierte der Schriftsteller Anatolij Gorelow.
Jetzt, da sich die ehemalige Gulag-Insel befreien konnte, fehlt den zuständigen Regierungsstellen in Moskau jede Erfahrung, um die Region bei der endgültigen Vergabe der Bohrlizenzen vor neuen Abhängigkeiten zu bewahren, wie Jelzin-Berater Jablokow freimütig bekennt: "Wer kann uns denn helfen?"
Mit Grausen beobachtet Jablokow, wie in ganz Sibirien "vor allem japanische Geschäftsleute die destabilisierte Situation des Landes mißbrauchen, um sich rasch den Zugriff auf unsere natürlichen Reichtümer zu sichern". Interesse besteht an allem - von hochwertiger Kohle bis zu Gold und Diamanten bei Nerungri und Udatschny. Seltene Metalle wie Indium, berichten Mitarbeiter der Moskauer Börse, werden zu einem Zehntel ihres Weltmarktpreises in den Westen verschleudert.
"Händler und Investoren", sagt Jablokow, "treffen mit örtlichen Behörden oder Regionalregierungen immer wieder äußerst dubiose Vereinbarungen, von denen wir oft nur zufällig erfahren."
Als beliebteste Beutestücke erwiesen sich bislang die scheinbar unendlichen Wälder Sibiriens. "Eine Menge schmutziger Verträge" beklagt der Forstexperte Alexej Grigorjew, ehemaliger Cheftechnologe des staatlichen sowjetischen Waldschutzkomitees. Vor allem in der Nähe von Krasnojarsk und um den Baikal-See blühe "die Korruption".
In vielen Regionen mit guter Holzqualität, ermittelte Grigorjew, haben die sowjetischen Großkombinate ohnehin schon die Hälfte des ursprünglichen Baumbestandes gerodet.
Da im industriell nutzbaren Bereich etwa dreimal mehr Bäume geschlagen werden als auf natürliche Weise nachwachsen - und entgegen den Gesetzen fast niemand aufforstet -, wird "schon in wenigen Jahrzehnten in weiten Teilen Sibiriens kein industrietaugliches Holz mehr zu finden sein" (Grigorjew).
Infernoartige Waldbrände, die oft durch falsche Bewirtschaftung geradezu herausgefordert werden, vernichten pro Jahr noch zusätzlich eine Million Hektar. Mancherorts erreicht die Zerstörung bereits Ausmaße wie im brasilianischen Amazonasgebiet oder in Thailand und Indonesien. Dabei sind Sibiriens Wälder, die größten der Erde, für das Weltklima kaum weniger bedeutsam als die schon schwer angeschlagenen tropischen Regenwälder.
Den wohl unerbittlichsten Raubbau betreibt das größte und älteste Jointventure auf russischem Boden: ein Gemeinschaftsunternehmen mit der nordkoreanischen Ersten Holzvereinigung in Tschegdomyn im Fernen Osten.
Stolz bestätigt der Firmenchef Tschoi San Dyk, sein Land habe in dieser Region "einen Staat im Staate errichtet". Mehr als 10 000 nordkoreanische Gastarbeiter sind auch fern der Heimat dem Zugriff ihrer Behörden unterworfen, bei Streitigkeiten und Verbrechen zwischen Koreanern gilt ausschließlich koreanisches Recht.
Wie in frühindustriellen Zeiten erhalten die Beschäftigten als Lohn kaum Bargeld, dafür aber Bezugscheine für firmeneigene Läden. So bleiben sie auch als Konsumenten abhängig vom Unternehmen. Politkommissare des greisen Präsidenten Kim Il Sung, so lobt Tschoi, sorgen überdies in allen Lagern für "permanente Erziehung" und schirmen die Arbeiter von der Außenwelt systematisch ab. "Ein KZ", kommentiert Jelzin-Berater Jablokow.
Zwischen der Transsibirischen Eisenbahn und der Baikal-Amur-Magistrale holzten die Koreaner seit Beginn des Gemeinschaftsvertrages 1967 schon 15 000 Quadratkilometer ab. Mehr als zwei Millionen Kubikmeter Rundholz verlassen jährlich die Region, die Erträge teilen sich Russen und Koreaner im Verhältnis eins zu zwei.
"Von den Millionengewinnen", sagt Nina Grizai vom Staatlichen Umweltschutzkomitee, "kommt fast nichts in unsere Gegend zurück." In zwei, drei Jahren, so vermutet ihr Kollege Wladimir Chudujew, "werden die Koreaner abziehen. Dann bleiben nur Armut und Zerstörung".
"In anderen Ländern wäre dies eine Usurpation, bei uns hieß das bis vor kurzem überall freundschaftliche Zusammenarbeit", sagt Tschegdomyns unabhängiger Abgeordneter im Regionalparlament, Wladimir Tscherepanow.
Nach dem Ende der Sowjetunion änderte sich die Sprache, die Zustände aber blieben.
Von "Zwangsarbeit in den Lagern" redet der Gebietsvorsitzende Pjotr Titkow heute. Doch als voriges Jahr der Staatsvertrag auslief, zählte er zu den heftigsten Verfechtern einer Verlängerung. "Ich war eben Chefingenieur des Unternehmens", sagt er lächelnd, "das verbindet."
Tausend Kilometer weiter südlich, in der bis zum Beginn dieses Jahres für Ausländer geschlossenen Hafenmetropole Wladiwostok, schmiedet der liberale Gebietsvorsitzende Wladimir Kusnezow hochfliegende Pläne für eine "große Internationalisierung unseres Lebens".
Wladiwostok am Pazifik könne sich wirtschaftlich "zu einem neuen Hongkong" entwickeln, schwärmt der umtriebige Politiker. Um sein Ziel zu erreichen, will Kusnezow zunächst die vorhandenen Naturressourcen "voll ausnützen". Der südkoreanische Konzernmulti Hyundai läßt bereits chinesische Arbeiter großflächig die Wälder roden. 15 weitere Industrieprojekte, dazu der Bau eines prächtigen Handelszentrums in der Stadtmitte, sollen folgen. "Die Region", verspricht der Generaldirektor der Hyundai-Niederlassung in Wladiwostok, Son Chi Yong, "wird sich in ein großes Hyundai-Land verwandeln."
Ist die rücksichtslose Erschließung des Fernen Ostens und weiter Teile Sibiriens wirklich "Rußlands letzte Chance", wie das neue Wirtschaftsmagazin Delowyje Ljudi (zu deutsch: Geschäftsleute) behauptet? Läßt sich so doch noch die "Brücke der Zukunft" zwischen Europa und Amerika errichten, von der die Erbauer der Transsibirischen Eisenbahn schon vor einem Jahrhundert träumten?
Oder droht der "totale Ausverkauf", den die ehemalige kommunistische Parteizeitung Prawda witterte?
Gebietschef Kusnezow geht, statt zu antworten, auf den Balkon seines Amtszimmers über dem Goldenen Horn, der Bucht von Wladiwostok, und zeigt mit ausgestreckter Hand im weiten Bogen auf Hunderte dahinrostender Schiffe der einst so mächtigen Pazifikflotte der Sowjetunion.
Fast zum Greifen nahe liegen einige schrottreife U-Boot-Hüllen im seichten Wasser. Auf dem benachbarten Hügel erinnert ein wuchtiges Denkmal an die vielen Dutzend Matrosen, die 1984 qualvoll erstickten, als im Hafen ein atomar betriebenes U-Boot sank und nicht rechtzeitig gehoben werden konnte.
"Was wäre denn unsere Alternative?" fragt er dann ganz nüchtern.
Erschienen im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", 11.5.1992