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"Rettet unsere Fußball-Götter!"
Einmal etwas Anderes: Das Stoßgebet eines Fußball-Fans zum aktuellen Wettskandal - doch auch zur Transparenz.
Von Hans-Peter Martin
Der schlechte Ruf der meisten Politiker besteht zu Unrecht: Sie sind in Wirklichkeit noch viel schlimmer. Unzählige Wirtschaftsbosse interessiert nicht mehr das Unternehmen, nur der Aktienkurs und ihre damit erzielbaren persönlichen Gewinne. Und das Alphabet in der Kirche reicht längst von Ablasshandel bis Krenn. All das ist recherchierbare Realität, gemeinhin abstoßender Alltag auch im 21. Jahrhundert. Woran kann man da noch glauben?
An den Fußball! Er ist doch, was blieb, nach all dem Betrug in der Berufswelt. Schon als Kind wurde er mir zur sinnenbetörenden Flucht in eine andere, vor allem spannendere und freiere Welt. Bei den Sängerknaben der Pfarre St. Gallus ging der Kaplan mit Kopfnüssen auf uns los, in der nahen Schule prügelten uns Lehrer, bis Blut floß, und zu Hause war bestenfalls niemand.
Sonntag nachmittags aber dieses seltene, jedoch um so ersehntere Rauschen vom See herauf bis ins Bregenzer Dorf in die Gallusstraße, danach Lautsprecherfetzen. Jaaa, Bregenz hatte ein Tor geschossen, bald schon würde der Großvater davon erzählen, er selbst fast blind, aber voller Kinderliebe. Dann wirklich selbst im Stadion sein dürfen, der Maggi-Chef-Papa des besten Freundes, selbst ein großer Schweizer Schweiger, spendierte die Karten. Bangend kauernd vor der muffigen Holztribüne auf dem Betonrund vor der Aschenbahn. Draußen auf dem Feld Metzler, Rafreider, Fraydl – verehrte Könner, deren signierte Sammelbildchen wie Ikonen gehandelt wurden. Und Prantl mit seinem spiralenförmigen Zug zum Tor, ein kleiner Gott in Vorarlbergs Landeshauptstadt in den 60er Jahren. Was hätte ich dafür gegeben, bei einer Schülermannschaft auf diesem Platz auch nur einmal mittrainieren zu dürfen. Den Eltern war das aber keine passenden Fußballschuhe wert. Doch auch schon das Zurückkicken-Dürfen des echten Spielballs, wenn der ins Seitenout rollte, injizierte Glücksgefühle, die bis heute nachwirken.
Reporter Hans Rüf saß mit kleinem Tischchen am Spielfeldrand und wurde bei Torerfolgen direkt ins Radioprogramm geschaltet: „Hier ischt das Brrägentzer Bodenseestadion“, rief Rüf mit Inbrunst. Seine Nachrichten verhießen fast immer Tragisches. Bregenz verlor unendlich oft zu Hause, 0:4, auch 0:5. In der Halbzeitpause strampelten, wie als Labsal, deutsche und sogar holländische Radfahrer auf dem Betonrund knatternden Motorrädern hinterher. „Steherrennen“ wurde das genannt. Was für ein himmlischer Höllenlärm, welch weltläufiger Reifen- und Benzingestank. Das internationale Fußballgeschäft hingegen war außerhalb jeder Vorstellungskraft und so auch ohne Bedeutung, nicht einmal ein Schwarz-Weiss-Fernseher flimmerte zu Hause. Doch Schwarz-Weiss Bregenz wurde zum erfüllten Kosmos einer ganzen Generation. „Soccer is life. The rest is just details”, steht auf meinem Lieblings-T-Shirt. Gerade auch deshalb.
Und jetzt diese Nachricht, Bregenz sei möglicherweise in den großen Fußball-Wettskandal verwickelt. Nein, schreit da das Kinder- und Erwachsenenherz. Nein, das kann es nicht geben. Nein, so schlecht kann die Welt nicht sein. Nein, ich will keine geschobenen Spiele sehen. Da kann man ja gleich in Brüssel bleiben.
Den ersten Trost suche ich in der italienischen Bar bei Michele. Der Ärmste ist Fan des tröphaenreichen AC Mailand, seit Kindheit durch und durch. Nach manipulierten Spielen musste Milan 1980 in die Zweite Liga absteigen, ganz Italien spottete. Wie er das überlebt habe? „Ich habe Milan einfach noch mehr geliebt, denn Liebe kannst Du nicht in Klassen einteilen“, sagt Michele tapfer und weiß, dass nach dem Wiederaufstieg Silvio Berlusconi im Verein die Macht übernahm. Tiefer kann man kaum fallen.
So schlimm kann es in Bregenz nicht werden. Ein Abstieg brächte die Rückkehr zu jahrzehntelanger Normalität. Doch geschobene Spiele, das wäre unverzeihlich. Denn ich liebe den Fußball nicht, ich vergöttere ihn nur. Wie wäre es für den Fall des Falles mit Realitätsverweigerung? Was anderen mit den Schrecken der Weltkriege gelang, warum sollte es uns Fußballfans nicht auch gelingen? Die Computer-Playstation weist da doch den Weg. Auch im Spiel „FIFA Football 2005“ läuft Schwarz-Weiss Bregenz aufs Feld. Per Knopfdruck kann die Mannschaft selbst gegen Bayern München oder Real Madrid antreten und auf der Spielkonsole führt mein zwölf Jahre alter Sohn die Bregenzer mit Geschick sogar zum Sieg. Er jubelt bei seinen virtuellen Toren so laut wie wir vor 40 Jahren im Stadion. Die Nachbarn glauben dann ernsthaft, er sähe gerade ein Live-Spiel im Fernsehen. Als virtueller Fußball-Trainer kann er sich mit seiner Mannschaft auch nach oben arbeiten, Aufstellungen ändern, einzelne Spieler besonders ausbilden, neue kaufen. In der Playstation ist Schieberei und Korruption nicht vorgesehen. So wird die Kunstwelt der Computerspiele zur letzten heilen Welt im Fußball.
Dann aber reibt sich mein Sohn kurz über die Augen, müde vom Knöpfedrucken will er mit etwas Anderem spielen. Nein, Fußball-Leben ist das nicht. Computer-Spiele sind Details. Wie die Verdrängung der Vergangenheit sich rächt, so kann man deshalb bei den gegenwärtigen Fußball-Skandalen nicht wegsehen. Jetzt geht es zunächst um echte Transparenz – wie in Politik und Wirtschaft auch. Die Wahrheit ist sogar Fußballfans zumutbar.
Da müssen wir durch. Ich werde wieder Dauerkarten bestellen. Aber bitte sagt, dass die Vorwürfe nicht wahr sind. Ihr sagt es ja. Aber bitte lasst dieses Sagen auch wahr sein. Wenigstens bei Schwarz-Weiss Bregenz.
Der Autor dieses Beitrags ist Bregenzer, Fußball-Fan und EU-Abgeordneter.
Erschienen in der österreichischen Tageszeitung "Der Standard", 9.2.2005.
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