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Wegwerf-Europäer
Es zählt zu den bitteren Wahrheiten, die das politische Establishment so ungern ausspricht: Die gegenwärtige Globalisierung bedeutet vor allem US-Amerikanisierung. Ein neuer Diskussionstext.
von Hans-Peter Martin
Es zählt zu den bitteren Wahrheiten, die das politische Establishment so ungern ausspricht: Die gegenwärtige Globalisierung bedeutet vor allem US-Amerikanisierung. Ein neuer Diskussionstext.Es begann mit den TV-Bildern, es folgte der US-Lebensstil, danach die Art, Unternehmen zu führen und zunehmend die globalen Finanzspekulationen, befeuert von den tausenden Geldhändlern an der New Yorker Wall Street. „Der Geldkrieg“ sollte ein Buch heißen, das Harald Schumann und ich 1999 veröffentlichen wollten. Der Umschlag war fertig, er zeigte die Türme des World Trade Center von unten. Der stressige Einstieg in die EU-Politik als parteifreier Spitzenkandidat für die SPÖ verhinderte den Abschluß des Manuskripts, seit 2001 verbietet sich das Umschlagbild. Doch der reale Geldkrieg breitet sich aus. Viele Kleinanleger stecken da ja in der Falle. Die staatlichen Pensionen sinken, wer persönlich etwas spart, will Erträge. So landen auch Millionen Euro aus den österreichischen Fonds an der Wall Street. Der Pensionsfonds Calpers, dem gerade auch kalifornische Schullehrer vertrauen, wurde mit 200 Milliarden Dollar zum Großinvestor in den USA. Österreichs landesweit bekannter „Superfund“ mit seinen 1,3 Milliarden Euro ist da vergleichsweise ein Zwerg. Doch die Fondsmanager schaffen an, drängen Aktienunternehmen zur Verlagerung ihrer Betriebe. Besonders leiden darunter derzeit die Mexikaner. Sie sind im Vergleich zu China zu teuer geworden.
In der US-Wissenselite rund um die Universitäten von Harvard oder dem feinen Mount Holyoke-College mit einer jährlichen Studiengebühr von mehr als 30 000 Euro wird freilich kaum noch über Industrieauslagerungen gesprochen. Hauptthema ist jetzt, dass Dienstleistungsarbeiten bald nur noch in den USA erbracht werden, wenn dies die Kundennähe zwangsläufig erfordert. Buchhaltung, Callcenter, aber auch die Computerwartung werden in Asien erledigt – wie zunehmend auch bei europäischen Unternehmen.
Das Dramatische dabei: Bislang konnte der Verlust von Industriearbeitsplätzen durch die Dienstleistungsbranche weitgehend ausgeglichen werden. So gingen etwa in Deutschland zwischen 1995 und 2004 knapp eine Millionen Fabrikjobs verloren, daneben entstanden aber viele Jobs in der Dienstleistung, jedoch oft deutlich schlechter bezahlt. Jetzt verschwinden auch die. „Alles, das abwandern kann, wird abwandern“, erklärte vergangene Woche bei einem internen Holyoke-Seminar Catherine Mann, eine Topberaterin des US-Präsidenten. 40 Millionen der gegenwärtig 143 Millionen US-Arbeitsplätze sind massiv unter Druck. Und für weniger Gebildete bleiben nur Stellen als Friseure, Altenhelfer oder Pizzabäcker. Auch das ist eine Folge des Geldkriegs, der globalen Gewinnmaximierung ohne faire Steuerung.
Eine Horrorperspektive. Louis Uchitelle von der „New York Times“ berichtete über sein nächstes Buch "The Disposable American" - „Der Wegwerf-Amerikaner“. „Programmierer umschulen - aber wozu?“, heißt ein Kapitel. Auf EU-Verhältnisse übertragen würde diese Entwicklung bei uns die Arbeitslosenzahl von bislang 18 Millionen zumindest verdoppeln, wenn man allfällige Pseudo-Jobs nicht einbezieht. So werden EU-Bürger zu Wegwerf-Europäern. Aus der Geschichte wissen wir, dass dies zu Kriegen mit vielen Menschenopfern führt.
Beitrag vom 11. März 2006, erscheint in verschiedenen internationalen Publikationen.
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