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Sozial? Demokratisch?
Wenn Wähler heutzutage noch zur Wahl gehen, fragen sie sich: Was ist überhaupt noch sozial und demokratisch, und wer steht dafür ein? Ein Kommentar von Hans-Peter Martin

Was verdienen etwa in Österreich Arbeitnehmer mit Verantwortung, mit ständigem Kontakt zu den Spitzen der Gesellschaft und in einem Gefahrenbereich? Es sind gerade einmal 7,49 Euro je Stunde. Nur soviel erhalten die Sicherheitsleute am Wiener Flughafen, wenn sie Fluggäste und Gepäck kontrollieren. So müssen Familienväter 267 Stunden lang arbeiten, um wenigstens 2000 Euro brutto zu verdienen. „Welcher der vielen Top-Politiker und Manager, die wir mit unseren Checks schützen, hat davon eine Ahnung?“, fragt mich ein Betroffener bei einem Abflug nach Brüssel.
Ein Test ergibt: Die meisten Befragten schätzen den Stundenlohn zur Absicherung ihrer Sicherheit auf etwa 20 Euro, fast drei Mal höher als in Wirklichkeit. Wien sei doch ein boomender Flughafen, unter Einfluß der Sozialdemokraten, und er verlange ja extrem hohe Abfertigungs- und Sicherheitsgebühren. 23,35 Euro je Passagier werden da auf den Flugpreis draufgeschlagen, mehr als doppelt so viel wie etwa in Stuttgart. Das ist ein äußerst lohnendes Geschäft – doch für wen?
Denn die große soziale Kluft wächst – mitten in Europa. Wie nie zuvor bricht dabei der Mittelstand auseinander, keineswegs vergrößert sich nur der Abstand zwischen Arm und Reich. Die Krise trifft damit den Kern der Gesellschaft. Und so zerfällt die soziale Marktwirtschaft, die so lange so viel gepriesen wurde. Doch europaweit wollen dies herkömmliche Politiker und so viele Journalisten, die ihnen wohl gesonnen sind, nicht wahrhaben. Sie leben in der Welt der Gewinner, für deren Sicherheit gesorgt ist. „Die Wirtschaft wächst doch“, argumentieren sie. „In Deutschland geht die Arbeitslosigkeit zurück“, jubeln sie. „Österreich ist der große Gewinner der EU-Osterweiterung“, beteuern sie. Doch von welcher „Wirtschaft“ ist da die Rede, von welcher „Arbeitslosigkeit“ und von welchem Österreich?
Selbst wenn „die Wirtschaft“ insgesamt zulegt, sind es immer weniger Personen, die davon real profitieren. Selbst internationale Wirtschaftsblätter titeln schon: „Mittelstand schrumpft dramatisch – Top-Verdiener legen zu“. So hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) festgestellt, dass noch im Jahr 2000 mehr als 62 Prozent der Deutschen, gemessen an ihrem Einkommen, zum Mittelstand zählten. Im Jahr 2006 waren es nur noch 54 Prozent. Das Abstiegstempo ist atemberaubend. Mehr als fünf Millionen Menschen rutschten so nach unten ab. Und wer einmal absackt, schafft es viel schwerer als früher wieder in die Mittelschicht. Fünf Millionen Verlierer, teils existentiell vernichtet – und dabei waren die Sozialdemokraten mit den Grünen an der Macht. Eine Million Bürger in Deutschland hingegen schaffte den Sprung in die Oberschicht, die ein Fünftel der Gesellschaft ausmacht – darunter auch die nationalen rot-grünen Funktionsträger, sofern sie nicht ohnehin schon vorher oben dazugehörten. Und noch nie gab es so viele Millionäre, sogar Milliardäre. Was für ein Armutszeugnis – für die Politiker. Auch darum brauchen wir zum EU-Reformvertrag eine Volksabstimmung.
Erschienen in der Tageszeitung "Kronenzeitung", 9.3.2008.
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