|
Nachbar China
Der 2. Teil des China-Berichts von Hans-Peter Martin.
Schanghai verschafft dem 21. Jahrhundert ein prägendes Gesicht. Eine explodierende Industrieproduktion, ein Finanzzentrum, das sich an die Großen der Welt heranrobbt, eine Metropole voll kühnster Architektur. Was Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts und New York in den vergangenen Jahrzehnten ausmachte, jetzt bündelt sich vieles davon in der neu glänzenden „Perle des Ostens“. Die Ex-Weltstadt Wien gleicht Schanghai so allenfalls noch im Politischen. Eine einzige Partei beherrscht alles. Ohne Parteivertraute wird auch von Beamten nichts Wichtiges verhandelt. Mit einem vielsagenden Schmunzeln verrät Zhou Muyao, erster Vizechef der Schanghaier Volkskammer: „Natürlich gibt es bei uns eine Bauordnung. Doch über die großen Projekte entscheide ich.“ Der Renner sind gegenwärtig drei- bis fünfstöckige Stadthäuser mit Swimmingpool – errichtet auf dem Dach von mehr als 50 Stockwerken hohen Wolkenkratzern. Dem Parteichef der Stadt, Chen Liangyu, wurde der Bauboom allerdings gerade zum Verhängnis. Parteirivalen enttarnten, dass er Millionenbeträge verschwinden ließ und setzten ihn ab. In Wien wohl undenkbar.
Soeben hat die chinesische Bank ICBC die weltweit größte Börseneinführung in Hongkong und Schanghai geschafft. Der deutsche Allianz-Konzern war rechtzeitig dabei und verdiente buchstäblich über Nacht eine Milliarde Dollar, vorausgesetzt, die ICBC-Aktien behalten bis 2009 ihren Wert. Daran zweifelt bei den Aufsichtsbehörden niemand, schon gar nicht Fang Xing Hai. Er ist einer jener hervorragend ausgebildeten Stadtmanager, von dessen Bürofenster aus der angrenzende Volkspark wie ein Vorgarten wirkt. Seine Geringschätzung für EU-Politiker will er gar nicht verbergen. „Bisher kommen sie mit Einzelanliegen zu uns, machen Lobby für einzelne Unternehmen“, so Fang. Mal wollen die Deutschen etwas, dann die Franzosen etwas sehr Anderes. So könne man der EU kaum Gehör verschaffen. „Fahrt zurück in Euer Parlament und arbeitet an einer gemeinsamen europäischen Position, dann kämen wir viel besser voran“, rät er ganz undiplomatisch. Ähnlich sehen das VW-Manager, die schon seit 1984 Autos in Schanghai bauen. Ein klares EU-Auftreten wäre etwa in Fragen der Kernenergie unverzichtbar. Jährlich will Chinas Führung bis 2020 zwei neue AKW eröffnen, und das nicht selten in Erdbebengebieten. Kaum weniger zukunftsweisend wäre ein Engagement Europas bei der Pensions- und Gesundheitsvorsorge. Sie ist neben den Umweltproblemen eine der chinesischen Achillesfersen. Interne EU-Dokumente verweisen darauf, daß von 758 Millionen Erwerbstätigen in China lediglich 130 Millionen über eine Renten- und nur 99 Millionen über eine Krankenversicherung verfügen. Dabei beträgt die Sparquote 45 Prozent. So wird die am 11. Dezember anstehende Marktöffnung für ausländische Banken zu einem Kernereignis. Doch auch da klagen Finanzfachleute, dass die EU zu wenig Rückgrat gezeigt habe und wieder nur wenige Großanbieter profitieren würden. Zu ihnen zählt der britische Versicherungsriese Prudential. Mit glänzenden Augen erzählt Xavier Fancy, der asienweit für die Beziehungen von Prudential zu den Regierungen zuständig ist, wie sich gleichaltrige Geschäftsfreunde schon zur Ruhe setzen. Fancy ist gerade 33 Jahre alt. Wie viel Geld man dazu brauche? „Ach, eine Million Pfund ist hier doch gar nichts.“ ETI-Meldung vom 11. November 2006, erscheint in verschiedenen internationalen Publikationen.
|