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Kronen Zeitung, 10.5.2005: Vorauseilender Gehorsam
Kommentar von Hans-Peter Martin
Was treibt Österreichs Regierung und die Abgeordneten, jetzt die EU-Verfassung ohne ernsthafte Information und Volksabstimmung durchzupeitschen? Warum entscheidet der Nationalrat in Wien ohne Not so eilig – noch vor den EU-Großmächten, vor dem deutschen Bundestag und ehe Franzosen und Briten abgestimmt haben? Es ist eine Mischung aus vorauseilendem Gehorsam und Verblendung. Dieses harte Urteil stützt sich bei mir auf 20 Beobachterjahre im internationalen Politik-Journalismus und nunmehr sechs Jahren als Volksvertreter im EU-Parlament. Da gab es unzählige Möglichkeiten, Österreichs Regierungsmitgliedern in Brüssel über die Schulter zu blicken. Von bemerkenswerten Ausnahmen abgesehen verfestigte sich ein Eindruck: Viel zu oft wollen unsere Vertreter vor allem freundlich dabei sein und es vielen recht machen, viel zu selten verhandeln sie mit professioneller Härte und Kompetenz. Das Argument, die Größe eines Landes sei dabei doch entscheidend, gilt nur bedingt. Denn die ebenfalls EU-Kleinen Dänen, Iren und vor allem Finnen bewegen sich mit vergleichsweise balletthafter Geschicklichkeit auf dem EU-Parkett, Österreichern liegen oft schwere Mozartkugeln im Magen. Und der Grüne Veltliner in der Hand verschafft vielleicht Sympathie, aber selten Respekt. Was 1955 im wodkaseligen Moskau den Staatsvertragsjubel begünstigte, wird 2005 im businessnüchternen Brüssel meist nur belächelt. „Ja, die lieben Ösis", heißt es dann bestenfalls. Kaufen kann man sich dafür nichts. Die Wandlung eines machtstarken Politruks in Österreich zum ergebnisschwachen EU-Verhandler vollzieht sich dabei wohl meist auf dem Aua-Flug zwischen Wien und Brüssel. Welches Trauma lastet da auf Landesfürsten, Ministern und Diplomaten? Daß Österreich seit 1815 in allen bedeutsamen internationalen Auseinandersetzungen den Kürzeren zog – von Königgrätz bis zur gegenwärtigen Qualifikation zur Fußball-WM in Deutschland (der Cordoba-Sieg fällt kaum ins Gewicht)? Oder sind es Trainingsmangel beim Aktenstudium und Bequemlichkeit, die man mit Anbiederei zu vertuschen sucht? Jedenfalls haben auch Österreichs Vertreter versagt, als es bei der Ausarbeitung der EU-Verfassung in Brüssel etwa um die soziale Dimension ging. Da standen zentrale Arbeitnehmeranliegen auf dem Spiel. Caspar Einem, Ex-Innen- und Infrastrukturminister, war für Österreichs Sozialdemokraten dabei. Der Bismarck-Nachfahre fiel freilich durch seinen verletzenden Zynismus auf, gerade als intern verhandelt wurde, ob sich die Sozialdemokraten für eine Volksabstimmung zur EU-Verfassung in Österreich aussprechen sollten. Dagegen machte er sich stark. Dafür ist er woanders: In den vergangenen Monaten bemühte sich Einem intensiv, für sich einen Topjob in der EU-Verwaltung zu ergattern: den Chefposten beim neuen EU-Satellitennavigationsprogramm Galileo. Bei den EU-Himmelsstürmern war dabei keineswegs karrierehinderlich, dass Europas Rote nach ihren Misserfolgen in der sozialen Frage eigentlich vor Scham in den Boden versinken müssten. Trotzdem wurde aus dem Traumjob nichts, Einem bleibt nur Europasprecher der SPÖ. Da wird „Einem für alle" (sein Wahlkampfslogan) jetzt im Nationalrat die Hand für die EU-Verfassung heben. Dabei plagen weder ihn noch seine Kollegen ein schlechtes Gewissen. Im Brüsseler Politinzuchtsystem sind fast alle überzeugt, das Richtige für Europas Völker zu entscheiden. Sie sind die Elite. Verblendet glauben sie allein zu wissen, was gut für alle sei.
Erschienen in der österreichischen "Kronen Zeitung", 10.5.2005.
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