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Dreiste Wählertäuschung durch deutsche EU-Parlamentarier

Es war ein eindeutiges Versprechen im EU-Wahlkampf 2004: die Reform des Spesen-Irrsinns. Bei der Abstimmung im Plenum des EU-Parlaments votierten aber jetzt nur noch 15 der 99 deutschen EU-Abgeordneten für eine Abrechnung ihrer Reisekosten nach tatsächlichem Aufwand. SPE-Fraktionschef Martin Schulz verließ wenige Augenblicke vor der Abstimmung zügig den Saal. Gesamtergebnis: lediglich 156 Ja-, aber 400 Nein-Stimmen. Das deutsche Magazin "Focus" berichtete bereits.

 Im Europäischen Parlament kam es bei der letzten Plenarsitzung 2004 zur namentlichen Abstimmung über den Antrag, "die Zahlung von Reisekosten-Vergütungen auf die tatsächlich entstandenen Ausgaben oder die niedrigsten veröffentlichten Tarife zu begrenzen". Damit ging es um ein zentrales Wahlkampfthema der EU-Wahl am 13. Juni. CDU/CSU, SPD und Grüne hatten Anfang Mai versprochen, sich massiv und unverzüglich für die Reform einzusetzen, da gegenüber den realen Kosten bislang bis zu 15 Mal mehr an Pauschalen erstattet wird.
Doch jetzt, als es um die konkrete Abstimmung ging, zeigte Hannes Swoboda, Vizepräsident der Fraktion Europäischer Sozialdemokraten, demonstrativ mit dem Daumen nach unten. Seiner Empfehlung folgten fast alle europäischen Sozialisten.
Für die Reform stimmten aus Deutschland lediglich die Grünen sowie die Abgeordneten Reul (CDU) und Brie (PDS). Neben den Fraktionsführern Pöttering und Schulz nahmen auch andere führende Abgeordnete wie der Haushaltsexperte Reimer Böge (CDU), Elmar Brok (CDU) und CSU-Vizeparteichef Ingo Friedrich nicht teil.

Die Reform der Reisespesen wurde damit bei nur 156 Ja-, aber 400 Nein-Stimmen (bei 27 Enthaltungen) abgelehnt.

Der fraktionsfreie EU-Abgeordnete Hans-Peter Martin meint dazu: "Das ist eine dreiste Wählertäuschung, vor allem von Seiten der deutschen CDU/CSU- und SPD-Abgeordneten.Was für eine Heuchelei. Und warum haben führende Parlamentarier wie Martin Schulz kurz davor schnell den Saal verlassen? Auch der CDU-Finanzexperte Reimer Böge hat wie Schulz wenige Minuten vorher noch an den Abstimmungen teilgenommen und auch wieder kurz danach. Warum?"

Das Magazin "Focus" berichtet bereits (3/2005)

So lautete der Antrag im Wortlaut, über den am 16. Dezember 2004 im EU-Parlament abgestimmt wurde:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Abstimmungsergebnisse der 99 deutschen Abgeordneten im Detail:

Auswertung der offiziellen Protokolle des EU-Parlaments, die auch im Internet abrufbar sind. 

15 Ja-Stimmen:

von der CDU/CSU: Reul

von den Grünen: Beer, Breyer, Cohn-Bendit, Cramer, Graefe zu Baringdorf, Harms, Horácek, Kallenbach, Özdemir, Rühle, Schmidt, Schroedter, Trüpel

von der PDS: Brie

61 Gegenstimmen:

CDU/CSU: Berend, Caspary, Deß, Ferber, Gahler, Goepel, Gomolka, Gräßle, Hieronymi, Jarzembowski, Jeggle, Klamt, Klaß, Koch, Konrad, Langen, Laschet, Lauk, Lechner, Mann Thomas, Mayer, Nassauer, Niebler, Pack, Pieper, Posselt, Quisthoudt-Rowohl, Radwan, Schmitt Ingo, Schnellhardt, Schröder, Schwab, Sommer, Ulmer, Weisgerber, Wieland, von Wogau

SPD: Gebhardt, Glante, Gröner, Hänsch, Jöns, Kindermann, Krehl, Kreissl-Dörfler, Kuhne, Leinen, Mann Erika, Piecyk, Rapkay, Roth-Behrendt, Rothe, Walter, Weiler

FDP: Alvaro, Chatzimarkakis, Klinz, Koch-Mehrin, Krahmer, Lambsdorff, Schuth

7 Enthaltungen:

SPD: Haug

PDS: Kaufmann, Markov, Pflüger, Uca, Wagenknecht, Zimmer

16 Abgeordnete, die nicht an der Abstimmung teilnahmen:

CDU/CSU: Poettering, Friedrich, Brok, Florenz, Lehne, Böge, Ehler, Hoppenstedt, Liese, Weber, Würmeling

SPD: Schulz, Bullmann, Duin, Öger, Stockmann


Siehe auch:

Dreiste Wählertäuschung durch österreichische EU-Parlamentarier

Deutsche EU-Parlamentarier versprechen plötzlich Besserung

EU-Rat bestätigt: EU-Parlament kann Spesen sofort reformieren

Neues peinliches Ablenkungsmanöver

Die letzte Abzocke: Genug ist vielen nie genug

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