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100.000 Euro für die Ehefrau

Ein Artikel des britischen EU-Abgeordneten Daniel Hannan in der deutschen Tageszeitung "Die Welt":

 

DIE WELT.de

100 000 Euro für die Ehefrau

Der britische Europaabgeordnete Daniel Hannan über Verschwendungssucht und Selbstbedienung innerhalb der EU

von Daniel Hannan

Brüssel - Kürzlich war bekanntgeworden, daß viele Abgeordnete des Europäischen Parlaments die Gewohnheit haben, ihre Tagespauschale über 286 Euro zu beantragen, ohne tatsächlich den ganzen Tag in Brüssel zu verbringen. Einer meiner britischen Kollegen wurde fotografiert, als er sich morgens um 7.30 Uhr in die Anwesenheitsliste eintrug und dann nach Haus in seinen Wahlkreis fuhr.

Das Parlament hat schnell darauf reagiert: Von jetzt an ist Journalisten und Fotografen das Betreten des Gebäudes nur noch sehr eingeschränkt möglich, um den Abgeordneten einen ungestörten Dienstantritt zu gewähren.

In der Zwischenzeit erhöhen die Europaabgeordneten in aller Stille ihre Spesen. Vor wenigen Wochen wurden unsere Etats für Sekretariatsarbeiten um 2000 Euro auf 14 865 Euro im Monat erhöht. Das ist genug, um wirklich eine Sekretärin einzustellen und einen Forscher noch dazu - und dann hat man immer noch über 100 000 Euro im Jahr für die Ehefrau übrig. Es beschämt mich sehr, sagen zu müssen, daß die Beschäftigung von Familienmitgliedern unter britischen Europaabgeordneten besonders ausgeprägt ist. Fast alle von ihnen haben nahe Verwandte auf ihren Gehaltslisten. Ein französischer Kollege fragte mich einmal: "Was ist mit euch Engländern los? Ihr stellt eure Ehefrauen bei euch ein und schlaft mit euren Angestellten."

Dann ist da noch das ungewöhnliche System der Reisekostenerstattung, die uns den Gegenwert eines Vollpreistickets und dazu noch Kilometergeld zahlt - egal, was wir tatsächlich für die Reise ausgegeben haben. Wenn man also Billigflieger nutzt, kann man pro Woche ohne Schwierigkeiten noch weitere 1000 Euro einstecken - steuerfrei natürlich, weil es als Aufwendung und nicht als Einkommen zählt.

Dies alles erhalten wir noch zusätzlich zu den Spesen für "allgemeine Ausgaben", die kürzlich auf 3785 Euro pro Monat erhöht wurden. Diese sind symbolisch für Benzin-, Portokosten und ähnliches vorgesehen, aber sie werden nie überprüft. Diese Spesen werden direkt auf die Konten der Abgeordneten überwiesen, steuerfrei.

Warum ich Ihnen dies erzähle? Damit mache ich mir sicherlich keine Freunde. Indem ich diesen Artikel schreibe, ist es mehr oder weniger sicher, daß das Parlament demnächst irgendeine Anschuldigung gegen meine Person erfindet.

Aber ich bin der Ansicht, daß wir, bevor wir weitere wichtige Kompetenzen an Brüssel abtreten, innehalten und genau untersuchen sollten, wie Brüssel mit der Macht, über die es bereits verfügt, umgeht. Wenn sich die EU auf diese Art und Weise selbst verwaltet, können wir ihr wirklich die Kontrolle über die Außenpolitik, die innere Sicherheit, Immigration und andere Themen abtreten? Wenn Europaabgeordnete ihre eigenen finanziellen Verhältnisse nicht in Ordnung halten können, sind sie dann die richtigen Leute, um ihnen via die europäische Verfassung neue, wichtige Kompetenzen zu übertragen?

Solche Fragen werden nur selten gestellt, weil sich die EU der Auswirkungen des wertvollsten politischen Prinzips erfreut - im Zweifel für den Angeklagten. Die Tatsache, daß die EU das Ideal des friedlichen Zusammenlebens von Nationen verkörpern soll, führt dazu, daß die Leute nur ungern überprüfen, wie sie praktisch operiert. Über Korruption zu nörgeln scheint kleingeistig neben der Rhetorik der Verträge, die Kriege beenden und für die Verbreitung der Menschenrechte sorgen sollen. Das Problem ist, daß diese Einstellung - wie auch im Fall der UNO - ein Ausmaß von Amtsverstößen nach sich gezogen hat, das wir in einer gewählten nationalen Regierung nie tolerieren würden.

Die Ausnahme bildet Großbritannien, wo die EU niemals diesen Vertrauensvorschuß hatte und von daher der gleichen Überwachung durch die Medien ausgesetzt ist wie jede andere Organisation. Eurokraten, die die Kritik nicht gewöhnt sind, laufen rot an vor Ärger, wenn sie über die britischen Boulevardzeitungen reden. Sie werfen ihnen vor, eine Serie von Lügen zu drucken, um das europäische Projekt zu diskreditieren.

Wenn ich ehrlich bin, haben sie durchaus Anlaß zu Ärger. Immer wieder veröffentlichen die britischen Zeitungen wirklich einseitige Artikel über Brüssel. Aber das Gegenargument, nämlich daß die EU von den meisten Zeitungen auf dem Kontinent mit außerordentlicher Hochachtung behandelt wird, wird nie erwähnt. Dieser Umstand hat sich als schädlicher erwiesen als die EU-Feindschaft der britischen Boulevardblätter, weil er eine gewisse Selbstgerechtigkeit in Brüssel genährt hat. Wenn diese Kolumne dabei hilft, dieser Selbstgefälligkeit einen Stich zu versetzen, tue ich den Eurokraten einen Gefallen - aber ich erwarte keinen Dank von ihnen.

Daniel Hannan ist Europaabgeordneter der britischen Konservativen. Er schreibt künftig alle 14 Tage für die WELT.

A.d. Engl. von Marina Küchen

© WELT.de 1995 - 2005

Erschienen in der deutschen Tageszeitung "Die Welt", 2.4.2005.

Zum Originaltext Online

 

Zuschrift von Andreas Husch (anonymus@host7.ssl-net.net) auf diesen Artikel:

"Ich habe gerade den auf Ihren Internet-Seiten nachveröffentlichen
Welt-Artikel "100 000 Euro für die Ehefrau" von Herrn Hannan MdEP gelesen
und würde mir gerne zwei Bemerkungen erlauben:

1) Ich kann natürlich als Außenstehender zu einzelnen Mißbrauchsvorwürfen
mangels Detailkenntnis keine sachgerechten Informationen beitragen. Daher
bitte ich, meine Äußerungen nicht als Bestätigung oder Zurückweisung
dieser Vorwürfe zu verstehen. Kritiker von Fehlverhalten europäischer
Abgeordneter sollten bedenken, daß diese Mandatsträger in den allermeisten
Parteien mit demokratischen Verfahren zu Kandidaten für das EP benannt
wurden und in ebenso demokratischen Wahlen von den Bürgern ihres Landes in
das EP gewählt wurden. Sollte die Neigung, in die eigene Tasche zu
wirtschaften, so groß sein, daß eine Mehrheit von EP-Abgeordneten alles
unternimmt, um mehr Transparenz zu verhindern, müßte ein Vorwurf in erster
Linie an die einzelnen politischen Parteien in den Mitgliedstaaten
gerichtet werden, weil sie dem Volk keine besseren Kandidaten anbieten
konnten, und an das Volk selbst, weil es diese Kandidaten gewählt hat. Im
übrigen bezweifle ich, daß in einem solchen Fall die Abgeordneten in den
nationalen Parlamenten viel besser dastehen: sie wurden von den gleichen
Parteigremien aufgestellt und von den gleichen Bürgern in die nationalen
Parlamente gewählt, und viele MdEPs waren schon Parlamentarier und/oder
Minister in ihrem Heimatland, bevor sie nach Brüssel/Straßburg wechselten.
Sie dürften also im Durchschnitt nicht mehr oder weniger "korrupt" sein
als die Mandatsträger in ihren Herkunftsländern.

2) Inzwischen sind mehr als zwei Drittel aller Rechtsvorschriften, die in
den Mitgliedstaaten gelten, europäischen Ursprungs, d.h. unter Mitwirkung
des Europäischen Parlaments zustande gekommen. Damit geht eine große
Verantwortung des Europäischen Parlaments einher. Deswegen sollten
Europaabgeordnete (und im übrigen auch nationale Abgeordnete) angemessen
bezahlt werden. Leider sind diejenigen, die regelmäßig auf Mißbräuche
einprügeln, oft die gleichen, die von "Selbstbedienung" reden, wenn
Abgeordnete versuchen, für sich angemessene Diäten festzusetzen. Die
Kritik an einem entsprechenden Vorstoß im Europäischen Parlament in der
vergangenen Legislaturperiode, der auch endlich zu einer einheitlichen
Vergütung für alle Abgeordneten geführt hätte, ist mir noch in bester
Erinnerung. Meine Bemerkung gilt nebenbei sowohl für Europa als auch für
die Mitgliedstaaten. Ich finde, daß Abgeordnete im Europäischen und in den
nationalen Parlamenten sehr angemessen bezahlt werden sollten. Dann darf
man in der Tat auch als Gegenleistung erwarten, daß sie 1) sonstige
Einkünfte offenlegen, 2) ihr Mandat hauptberuflich ausüben (Abgeordneter
sein ist eine Vollzeittätigkeit, wenn man sie auch nur halbwegs ernst
nimmt) und 3) die ihnen zustehenden Kostenerstattungen korrekt verwenden.
Ich bin gespannt, ob Sie ihre Forderung nach mehr Transparenz ernst
nehmen und meinen eher kritischen Brief auf Ihrer Webseite
veröfffentlichen.

Mit freundlichen Grüßen
Andreas Husch"

 

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